Val McDermid - Die Erfinder des Todes

Originaltitel: Killing the Shadows
Krimi. Droemer 2001
541 Seiten, ISBN: 3426195674

Gewaltsamer Tod ist für Fiona, Kit und Steve nichts Fremdes; Kit ist Krimiautor, und seine Fans schätzen vor allem auch den Kick, den sie durch die detaillierten Schilderungen der begangenen Grausamkeiten erhalten. Steve war Ermittler im Morddezernat; und Fiona wurde von seiner Abteilung hin und wieder zu Rate gezogen, da sie ein Programm zur geographischen Ortung von Serientätern entwickelt hatte. Oft genug wurde Fiona die Frage gestellt, ob Kit, ihr Lebensgefährte, denn von ihr Informationen für seine Plots bezöge; doch in ihrem Privatleben war vor allem Platz für Kochexperimente und die Frage, wann Steve denn endlich eine Frau kennen lernen würde, die ihn von der geheimen, von niemandem angesprochenen Liebe zu Fiona heilen könnte.

Auch bei seiner letzten Ermittlung hatte Fiona Steve unterstützt; aber ihre Erkenntnisse hatten die Verdachtsmomente für Francis Blake, der verdächtigt wurde, eine junge Frau vor den Augen ihrer kleinen Zwillinge vergewaltigt und ermordet zu haben, nicht bestätigt. Sie hegte erheblichen Zweifel an seiner Schuld; doch Steves Vorgesetzte waren überzeugt, bereits den Täter gefunden zu haben. Nun sollte es zum Prozess kommen, und sowohl Steve als auch Fiona fürchteten bereits den zu erwartenden Freispruch.

Aber wenn ihre Tätigkeit auch von der eigenen Polizei nicht entsprechend gewürdigt wurde, ihr Ruf war international stetig am Wachsen. Als in Toledo grausame Morde an Touristen begangen werden, wird sie zu Hilfe gerufen; sie soll der Polizei ein Täterprofil liefern, anhand dessen die Suche in eine bestimmte Richtung gelenkt werden kann.

Doch all das ist Alltag. Mord als Beruf, der im Privatleben nicht weiter zu Beunruhigung führt. Aber dann wird ein sehr bekannter britischer Krimiautor grausam ermordet. So grausam, wie es auch den Opfern in seinen Kriminalromanen ergangen war; die Szene ist bis auf wenige Details haargenau nachgestellt worden. Auch wenn Kit mit ihm nicht eng befreundet war, man kannte sich doch, und als er und noch einige andere Krimiautoren Drohbriefe erhalten, drängt sich ein Gedanke auf: ermordet hier jemand systematisch Krimiautoren? So panisch Fiona auf die Briefe reagiert, so wenig kann sie sich vorstellen, dass der Schreiber dieser Briefe tatsächlich zum Mörder werden könnte. Aber dann stirbt die nächste Krimiautorin - eine junge Frau, die in einem hermetisch abgesichertem Anwesen lebte. Fiona ahnt, dass auch Kit auf der Liste des Mörders stehen könnte - und dass sie sich beeilen muss...

Die Kritikpunkte an diesem Krimi lassen sich nicht in ein paar Sekunden abhaken; da gibt es mindestens einen überflüssigen, ins Leere verlaufenden Handlungsstrang, Dialoge, die in ihrer Plattheit manchmal haarsträubend sind, Figuren erscheinen plakativ und oberflächlich; die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Und trotzdem. "Die Erfinder des Todes" ist ein hochspannender, packender Krimi, den ich zumindest nicht mehr aus der Hand legen konnte, bis ich endlich wusste, wer es denn nun so grausam ausgerechnet auf Krimiautoren abgesehen hat, die uns so viele entspannende Stunden schenken. Wenn man die ersten Kapitel hinter sich hat, mit Fiona, Kit und Steve vertraut ist und den ersten Mord miterlebt hat, ist man am Haken; jetzt wäre noch die Gelegenheit, loszulassen. Aber spätestens nach dem zweiten Mord ist man verloren und fängt dann auch an, das Lesetempo zu steigern. Das ist auch ganz gut so, damit überliest man vielleicht, dass die Autorin keine Freundin der leisen Töne ist; nein, sie muss dem Leser manche Erkenntnis geradezu mit dem Holzhammer aufdrängen. Liebesgeschichten sollte sie sich auch besser sparen, das ist nicht ihr Metier; diese Szenen gehören zu den peinlichsten des Buches. Dass das Motiv für die blutigen Morde zum Schluss dann doch etwas befremdet, ist nach dem furiosen Showdown zwar kein Wunder, aber leicht enttäuschend.

Aber genug kritisiert; dass es der Autorin gelungen ist, trotz all dieser Schnitzer ein Buch vorzulegen, das man ganz eindeutig als Pageturner bezeichnen muss, darf nicht vergessen werden - hervorragend geeignet für einen verregneten, nebeligen Herbstabend.

Val McDermid

Val McDermid, geb. 1955, wuchs in einem schottischen Bergbaugebiet auf und lebt heute in Manchester. Nach Jahren als Literaturdozentin in Oxford und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen widmet sie sich heute ganz der Schriftstellerei. Ihr Thriller "Das Lied der Sirenen" wurde 1995 mit dem Golden Dagger Award für den besten Kriminalfall des Jahres ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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