Colum McCann - Der Tänzer

Originaltitel: The Dancer
Roman. Rowohlt Verlag 2003
472 Seiten, ISBN: 3498044761

Sein Name ist nach wie vor der Inbegriff für männliche Ballettkunst in Reinkultur - Rudolf Nurejew. Colum McCann hat mit dem Roman "Der Tänzer" keine herkömmliche Biographie des Russen geschrieben, sondern rund um sein Leben, um seinen Mythos Geschichten erzählt.

Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs lässt McCann sein Buch beginnen; wir sind mit den Soldaten im ewigen Winter, mit den abgefrorenen Zehen, dem Wahnsinn, den die bittere Kälte hervorruft. In einem Krankenhaus tanzen Kinder für die Soldaten - der kleine Rudik ist einer von ihnen. Für seine Volkstänze erhält er Zuckerstückchen, die er in seine Socken stopft. Eine alte Ballettänzerin, durch politische Umstände nach Ufa verbannt, wird zu seiner ersten Lehrerin.

Leningrad wird seine nächste Station, die Aufnahme an der berühmten Ballettschule, erste Auftritte im Kirow, erste Gerüchte auch darum, dass sein Lebenswandel sich nicht an die Norm anpassen lässt, er ist aufmüpfig, legt sich mit seinen Lehrern an, nimmt keine Rücksicht auf andere, Musik, sein Tanz ist das Einzige, wofür er Opfer bringt.

Und dann, als sein Ruf sich gerade zu verbreiten beginnt, nutzt er die Gelegenheit eines Auslandsauftritts und läuft in den Westen über. Ein Nimbus umgibt ihn von da an; der Geheimdienst überwacht ihn, seine Eltern, seine Schwestern, die wenigen Freunde, die er in Russland hatte, müssen mit Repressalien leben, doch er hat es geschafft, er tanzt an allen großen Bühnen der Welt, ist zu Besuch bei John F. Kennedy, zählt Andy Wharhol zu seinen Freunden, lebt ein Leben voller Glanz und Extravaganz, doch sein Abstieg ist danach ebenso unerbittlich wie sein vorangegangener Triumph. Er tanzt, bis er nicht mehr kann, bis er auch die Zeichen seiner Aids-Erkrankung nicht mehr länger verbergen kann.

Aber eigentlich wird in dem Roman nicht unbedingt seine Geschichte erzählt; es sind vielmehr die Lebensläufe der Menschen, deren Wege er irgendwann kreuzt, seine Ballettlehrerin, ihre Tochter, sein französisches Hausmädchen, sein Schuhmacher, ein Rivale, Victor Parei, und noch viele andere, die hier zu Wort kommen, ein Chor von Stimmen, der mal näher, dann wieder weiter weg von der schillernden Figur des Tänzers ist und ein berauschendes Gesamtbild abgibt.

Der Mittelteil des Buches wird vor allem von Nurejews sexuellen Ausschweifungen beherrscht, bildhafte Schilderungen der Schwulenszene New Yorks werden abgelöst von Szenen, die Nurejew schwach und verletzlich zeigen, bis er wieder im Rampenlicht steht und die Menschen um ihn her elektrisiert.

Der Autor weist schon im Vorwort nachdrücklich darauf hin, dass es sich hier um keine Biographie, sondern einen Roman handelt - allzugroße Detailtreue sollte der Leser also nicht erwarten, es geht weniger um die historische Persönlichkeit des Tänzers, sondern um einen Menschen, der sich nicht in ein Muster pressen lassen will, der seine Heimat verlässt, weil ihm dort die Luft zum Atmen genommen wird, und sich dennoch ein Leben lang danach zurücksehnt. McCann zeigt den Menschen in seiner schillernden Erscheinung ebenso wie den Egoisten, der er war.

Viele verschiedene Stimmen kommen zu Wort, mal in Tagebuchform, als Polizeireport, als Interview, oder einfach als Ich-Erzähler; der Leser wird nicht vorbereitet auf den Wechsel, es wird nichts erklärt, aber es dauert meist nur wenige Sätze, bis man sich mit der neuen Perspektive zurecht findet.

Von Tanz ist nach der Entwicklungsgeschichte in der Kindheit nur noch am Rande die Rede; man erfährt zwar immer wieder, wo Nurejew tanzt, mit welchen Partnerinnen (wobei es sich meist um Margot Fonteyn handelte), aber das bleibt Staffage, wird nicht wirklich lebendig.

McCann hat einen ganz eigenwilligen Stil, gewohnt souverän übersetzt von Dirk van Gunsteren, und hat mein Interesse an seinen weiteren Büchern ebenso geweckt wie das Bedürfnis, nun mehr über den tatsächlichen Nurejew und die Fonteyn nachzulesen. Eine Empfehlung!

Colum McCann

Colum McCann wurde 1965 in Dublin geboren. Er arbeitete als Journalist, Farmarbeiter und Lehrer und unternahm lange Reisen durch Asien, Eruopa und Amerika. Für seine Romane und Erzählungen erhielt McCann zahlreiche Literaturpreise, unter adnerem den Hennessy Award for Irish Literature und den Rooney Prize. Er ist verheiratet und lebt in New York.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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