William Maxwell - Sie kamen wie die Schwalben

Originaltitel: They Came Like Swallows
Roman. Zsolnay Verlag 2001
199 Seiten, ISBN: 3552049967

Ein Blick seiner Mutter genügt für Benny, um einen schlimmen Tag zu einem schönen werden zu lassen, ein Lächeln von ihr, gar ein Kuss! Das Schönste ist, wenn er nicht nach draußen muss, sondern drinnen bei ihr spielen darf, in ihrer Nähe sein - und wenn sein älterer Bruder Robert nicht mit dabei ist und ihre Aufmerksamkeit beansprucht.

Bald soll Robert auch ein anderes Zimmer erhalten, denn … ein neues Baby ist unterwegs! Benny ist zwar der Meinung, dass seine Mutter sich das noch einmal überlegen soll, aber es scheint nicht den Anschein zu haben, als würde das noch eine Änderung bringen. Das hat er aus den Gesprächen der Großen belauscht - denn wenn er sich auf dem Sofa schlafend stellt, reden die Erwachsenen, als wäre er nicht im Zimmer.

So erfährt er auch von den Befürchtungen, die die Familie wegen der neuesten Epidemie hegt; die "Spanische Grippe" geht um und verläuft in vielen Fällen tötlich.

Benny wird in der Schule damit angesteckt. Für eine schwangere Frau ist es viel zu gefährlich, damit in Berührung zu kommen, sie darf nicht zu ihm. Doch als Robert versucht, einen Vogel aus dem Zimmer zu verjagen, schlüpft sie doch ins Zimmer - und Robert ahnt, dass er hier etwas gesehen hat, das gefährlich werden könnte.

Als Benny genesen ist, reisen die Eltern ab, um den Doktor zu konsultieren, der die Entbindung vornehmen soll. Die Jungen sind zwischenzeitlich bei einer Tante untergebracht - und hier erwischt die Krankheit auch Robert. Nicht nur ihn, wie er kurz darauf doch von der Tante erfährt - auch seine Eltern sind schwer erkrankt und liegen im Krankenhaus…

Schade, dass der Autor schon im Vorwort erzählt, wie es ihm beim Schreiben des Buches erging, nach welchen Konzeptionen es geschrieben wurde, wie es aufgebaut sein würde - und auch, welch großes Vorbild Virginia Woolfs "Fahrt zum Leuchtturm" für die Erzählstruktur dieses Romans gebildet hat.

Dadurch war ich im ersten Teil des Buches nicht wirklich unbefangen genug, um in die erzählte Geschichte abtauchen zu können.

Doch spätestens, als aus der Perspektive des älteren Bruders erzählt wird, hatte die Sogwirkung eingesetzt; den Grippetod der Mutter konnte ich vor Tränen in den Augen kaum lesen.

Eine wunderbare Liebeserklärung an eine viel zu früh verstorbene Mutter - und für uns ein seltenes Kleinod in Romanform.

William Maxwell

William Maxwell, 1908 in Lincoln, Illinois, geboren, wuchs in Chicago auf und studierte an den Universitäten in Illinois und Harvard. Er veröffentlichte Romane und Erzählungen, war von 1969 bis 1972 Präsident des International Institute of Arts and Letters und gehörte viele Jahre lang zur Redaktion der Zeitschrift "The New Yorker". Maxwell starb im Juli 2000 in New York.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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