Guy de Maupassant - Bel-Ami

Originaltitel: Bel-Ami
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1885
407 Seiten, ISBN: 3423129344

Das Ende vom Geld, und noch so viel Monat übrig! Mit ganz strengem Haushalten würde Georges Duroy es vielleicht noch bis Ende des Monats schaffen. Aber wie sollte man das anstellen, wenn man abends durch Pariser Straßen ging und von überallher die Verlockung spürte?

Als er seinen alten Regimentskameraden Forestier erblickt, geistert ihm vor allem eines durch den Kopf: ob der alte Bekannte ihn wohl zu einem Bier einladen würde? Er tat. Und erzählte, was in der Zwischenzeit aus ihm geworden war - ein Journalist, gefällig verheiratet, von einigem Wohlstand und Einfluss. Und Duroy? Der schlug sich mehr schlecht als recht als Angestellter bei der Eisenbahn durch. Nein, das konnte Forestier nicht mit ansehen. Er, mit seinem Einfluss, würde bestimmt eine Stelle für ihn bei der Zeitung finden, aber zuvor solle er doch zum Abendessen vorbeikommen.

Im geliehenen Frack erkennt Duroy sich kaum wieder. Und trotz aller Befangenheit, die er anfangs verspürt, wird der Abend für ihn zum vollen Erfolg: am Ende hat er die Aufforderung des Zeitungsverlegers in der Tasche, doch eine Artikelserie über Algerien zu verfassen, beruhend auf den Erzählungen, die er an diesem Abend zum Besten gegeben habe.

So groß die Freude darüber auch ist: Allein es gelingt ihm nicht. In seiner Not weiß er nur einen Ausweg: Forestier. Dieser weiß ihm auch wirklich zu helfen - er schickt ihn zu seiner Frau, die dann auch in kurzer Zeit den Artikel für ihn fertigschreibt.

Eine Anstellung bei der Zeitung hat er jetzt. Und weiter? Das kann doch nicht das Ende der Leiter gewesen sein, die Duroy noch aufzusteigen gedachte. Und wieder ist es Madame Forestier, die ihm aus der Klemme hilft. Sie erwähnt, wer von den hochangesehenen Damen der Gesellschaft wohl ein Auge auf ihn geworfen hätte - und legt damit den Grundstein zu einer Karriere, die Duroy durch die Betten vieler Frauen trägt, die ihm letztendlich an die Spitze verhelfen ...

Auch nach der langen Zeit seit Entstehungsdatum hat das Buch nichts an Reiz verloren. Es ist eine wunderbare Gesellschaftssatire, in der sich zur damaligen Zeit bestimmt der eine oder andere wiedererkannt hatte.

Als skrupelloser Mensch, der sich nur dank seines gefälligem Äußeren einen traumhaften Aufstieg innerhalb der Zeitung verschaffte wird Duroy dargestellt; aber eigentlich ist er gar nicht von Grund auf so berechnend und böse. Zumindest zu Beginn seiner Karriere ist er sich seiner Wirkung auf Frauen noch gar nicht so bewusst - oder besser gesagt, er glaubt nicht, dass sein gutes Aussehen, das ihm zwar schon die Gunst der leichten Mädchen beschert hatte nun auch in höheren Kreisen so von Nutzen sein könnte.

Mit jeder Stufe, die er in der gesellschaftlichen Hierarchie erklimmt, wächst allerdings sein Selbstvertrauen - und wird sehr rasch zum Dünkel. Dass er seinen Aufstieg nicht seinen überragenden Talenten zuzuschreiben hat ist ihm nicht bewusst. Gerade sein kometenhafter Aufstieg in der Zeitung vom kleinen Hilfsschreiber zum Chefredakteur hat er zum Großteil seiner Frau zu verdanken, die durch ihre engen Beziehungen zu diversen Regierungsmitgliedern immer einen Informationsvorsprung hat.

Duroy ist zwar kein besonders heller Kopf, ist aber durchaus nicht unintelligent. Vor allem besitzt er die Skrupellosigkeit die häufig Menschen mit großen Ambitionen und bescheidenen Fähigkeiten zu eigen ist: er hat ein untrügliches Gespür dafür, was ihn voranbringen könnte und scheut sich nicht, dafür auch Mittel einzusetzen, die sich mit der Ehre eines Gentlemans nicht mehr vereinbaren lassen.

Auf sehr geschickte Weise hat der Autor hier die Unsinnigkeit hergebrachter Institutionen lächerlich gemacht - allen voran das Duell. Wie man eine Rechtsfrage dadurch klären kann, wer denn am Ende überlebt erinnert schon arg an Überbleibsel aus Zeiten des Gottesgerichts.

Es gibt zwei Arten von Frauen in diesem Roman: da ist einmal seine Frau, die ihn weniger aus Liebe oder seiner überwältigenden Ausstrahlung wegen geheiratet hat, sondern weil sie sich seiner wunderbar bedienen kann, um ihre politische Meinung in der Zeitung gedruckt zu sehen und die Politik damit zu beeinflussen. Sie erkennt am klarsten seine Fähigkeiten - und sie ist es auch, die ihn mehr erst darauf aufmerksam macht, welche Wirkung er auf bestimmte Frauen hat und dabei durchklingen lässt, dass eine engere Beziehung zu diesen Damen ihm auch beruflich nicht schaden würde.

Die zweite Art sind die Frauen, die sich von Duroys gutem Aussehen und seiner charmanten Art blenden lassen. Warum er wirklich so unwiderstehlich ist, vermag der Autor zwar nicht zu vermitteln; aber es reicht auch, die Ausführung, gespickt mit kleinen ironischen Seitenhieben, zu lesen.

Der Charakter, der hier als Georges Duroy geschildert wird, ist auch heute noch weit verbreitet - und das macht wohl auch einen besonderen Reiz für den Leser aus, weil man immer wieder Passagen findet, die durchaus auch im Hier und Jetzt stattfinden könnten.

Eine interessante und sehr vergnügliche Lektüre!

Guy de Maupassant

Guy de Maupassant wurde 1850 auf Schloss Miromesnil in der Normandie geboren und stammt aus einer lothringischen Adelsfamilie. 1870/71 nahm er am Deutsch-Französischen Krieg teil. Mit dreißig Jahren begann er zu schreiben und avancierte schnell zu einem Meister der Erzählkunst. Seine Novelle "Boule de Suif" und der Roman "Bel Ami" begründeten seinen Ruhm. Maupassant starb 1893 in geistiger Umnachtung in Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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