Yann Martel - Schiffbruch mit Tiger

Originaltitel: Life of Pi
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2002
319 Seiten, ISBN: 0151008116

Diese Kritik bezieht sich auf die englische Originalausgabe

Wer Piscine Molitor Patel benannt wird, nach einem Schwimmbad in Paris, der kann sich während seiner Kindheit mit Sicherheit auf genug Hänseleien gefasst machen. Aber ansonsten hatte Pi eine sehr glückliche Kindheit vorzuweisen - und aufregender als die so mancher Klassenkameraden mit Sicherheit, schließlich gehörte seinen Eltern der Zoo von Pondicherry. Seine Haustiere waren etwas größer als die seiner Klassenkameraden.

Aber auch seine Freizeitbeschäftigung wich deutlich von der anderer Jungen ab - im Laufe der Zeit war aus Pi nämlich sowohl ein eifriger Hindu als auch gläubiger Christ und bekennender Moslem geworden; und so sehr ihn die Priester und seine Eltern auch davon zu überzeugen versuchten, dass er sich doch für eine Religion entscheiden müsse, er blieb dabei - für ihn war es nur jeweils eine verschiedene Art, ein und dasselbe Göttliche zu betrachten.

Aber die Politik setzte dem glücklichen Zooleben ein Ende; seine Eltern entschieden sich, nach Kanada auszuwandern. Und einige der Tiere sollten sie dann auch begleiten, um sie an diverse Zoos in den Staaten zu verkaufen.

Die Reise stand leider unter keinem guten Stern. Eines Morgens wacht Pi auf, weil er ungewöhnliche Geräusche an Deck hört, und noch während er sich umsieht, fängt das riesige Schiff an zu sinken. Matrosen werfen ihn in ein Rettungsboot, in dem kurz darauf noch ein Zebra landet - dann sinkt das Schiff. Und Pi erhält noch mehr Gesellschaft: einen bengalischen Tiger und eine Gorilladame.

Nun ist es schon schlimm genug, in einer Nussschale von Rettungsboot auf dem Pazifik zu treiben - aber mit einem Tiger als Gesellschaft, der vom Kopf bis zur Schwanzspitze schon mal die Hälfte des Bootes einnimmt? Wie sich das Zusammenleben des Jungen und seiner tierischen Gesellschaft gestaltet, das kann man nicht beschreiben - das muss man selbst lesen.

Denn ohne Zweifel ist dieser Part auch der deutlich beste des Buches. Auch wenn man nicht tierverrückt ist, ist es sehr spannend, die Überlegungen über das Dominanzverhalten zwischen Mensch und Tier zu verfolgen, die Pi hier anstellt; dass es außerdem fesselt, wie er es schafft, auf diesem kleinen Boot zu überleben und dabei auch noch geistig gesund zu bleiben, ist wirklich faszinierend. Dass auch hier dann zwei Begebenheiten geschildert werden, die das ohnehin schon durch die unmögliche Vorstellung von Mensch und Raubkatze auf ein paar Quadratmetern arg strapazierte Vorstellungsvermögen erneut in Frage stellen, war für mich einer der Wehmutstropfen.

Der andere kam gleich zu Beginn. So lebhaft und witzig Martel Pi´s Leben in Pondicherry auch beschreibt, so sehr hat mich dann auch die Religionsgeschichte genervt. Zwar ist auch die vom Grundgedanken her sehr gut, ansatzweise auch witzig umgesetzt, aber irgendwann war mir die Schilderung dann doch zu übertrieben.

Ich hab mich, trotz der eigentlich recht ungewöhnlichen und anregenden Geschichte, ein wenig durch das Buch quälen müssen. So ganz hab ich den Zugang bis zuletzt nicht gefunden, auch wenn mich die Schiffsbruchgeschichte dann doch noch in ihren Bann ziehen konnte.

Der Bemerkung aus der Pressemitteilung der Booker-Jury, bei "Life of Pi" würde es sich um ein Buch handeln, das einen wieder an Gott glauben lassen würde - oder zumindest fragen lasse, warum nicht, kann ich nicht so recht zustimmen, aber eine lesenswerte, ein wenig aus dem Rahmen fallende Geschichte ist es auf jeden Fall. Und: Martell kann wunderbar erzählen!

Yann Martel

Yann Martel wurde 1963 in Spanien von Kanadischen Eltern geboren. Er wuchs in Alsaska, British Columbia, Costa Rica, Frankreich, Ontario und Mexiko, und blieb auch als Erwachsener ein Reisender, der viel Zeit im Iran, der Türkei und Indien verbracht hat. Nach seinem Philosophiestudium an der Trent Universtiy, und nachdem er sich als Baumpflanzer, Tellerwäscher und Sicherheitsdienst verdingt hatte - begann er zu schreiben. Yann Martel lebt normalerweise in Montreal, hatte von Oktober 2002 - Februar 2003 eine Gastprofessur an der Freien Universtität Berlin inne. 2002 erhielt er für "Life of Pi" den Booker-Prize.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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