Gabriel Garcia Marquez - Chronik eines angekündigeten Todes

Originaltitel: Crónica de una muerte annunciada
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1981
120 Seiten, ISBN: 342310564X

Das ganze Dorf war bei der Hochzeit eingeladen, drei Tage lang war ununterbrochen gefeiert worden, ein rauschendes Fest, dessen Kosten zu berechnen Santiago Nasars letzte Tat werden sollte. Denn mitten in der Hochzeitsnacht wurde die Braut, Angela Vicario, zu ihren Eltern zurückgebracht. Sie war keine Jungfrau mehr - und Santiago Nasar sollte dafür verantwortlich sein, sagte sie.

Die Aufgabe für ihre Brüder ist klar: sie müssen die Ehre Angelas wieder herstellen. Und das kann nur blutig geschehen - Santiago Nasar muss sterben.

Das weiß bald auch das ganze Dorf, denn die beiden Brüder hecken keinen heimlichen Mordplan aus - in aller Offenheit schleifen sie ihre Messer und erzählen jedem, der es hören will, von ihrem Vorhaben. Doch es passiert nicht das, worauf sie heimlich gehofft hatten - dass ihnen die Messer entzogen und sie an der Ausführung ihres Plans gehindert würden. Schließlich war Santiago ein Freund von ihnen, mit dem sie erst am Vorabend noch stundenlang getrunken hatten.

Alle, wirklich alle im Dorf wissen Bescheid - nur der Betroffene nicht. Und so geschieht, was keiner für möglich hielt...

Jedesmal wieder, wenn ich dieses schmale Buch lese, bin ich völlig begeistert von der Art, wie eine so absurde Geschichte auf so unprätentiöse und zugleich fesselnde Weise erzählt wird. Auf knapp über 100 Seiten sind eine Fülle von Geschichten verborgen, die bei jedem Lesen in einem anderen Licht erscheinen.

Die seltsame Liebesgeschichte zwischen Angela und Bayardo San Román, die erst beginnt, als sie eigentlich beendet erscheint, ist nur ein Beispiel davon. Die *Chronik eines angekündigten Todes* beinhaltet auch die Konflikte zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten, die nicht so offen ausgetragen werden und dennoch unübersehbar sind.

Man findet auch altvertraute Namen und Geschichten wieder, eine Anspielung auf *Hundert Jahre Einsamkeit*. So manche Geschichte würde man gerne weiterverfolgen, über manche Menschen mehr erfahren - doch genau das macht auch den Reiz des Buches aus. Für mich sind die Namen und Geschichten des Buches über die Jahre so vertraut geworden, dass es bei jedem neuen Lesen spannend ist zu entdecken, wieviel die Phantasie in der Zwischenzeit zum Original hinzugedichtet hat.

Für alle, die dieses Kleinod noch nicht kennen - es ist auch ein wunderbarer Einstieg in das Werk des Literaturnobelpreisträgers, in seine Welt des magischen Realismus.

Gabriel Garcia Marquez

Gabriel García Márquez, am 6. März 1928 in Aracataca (Kolumbien) geboren, schrieb zunächst Filmdrehbücher, dann Erzählungen, Romane und Reportagen. 1982 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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