Markus Orths - Die Tarnkappe

Originaltitel:
Roman. Schöffling Verlag 2011
224 Seiten, ISBN: 3895614718

Eigentlich führt Simon Bloch schon das Leben eines Menschen, der kaum noch sichtbar ist. Vom frühen Morgen an ist sein Tag durchorganisiert und verläuft in immer gleichen Bahnen; das Ausschalten des Tennisballweckers (ein Relikt aus alten Zeiten, als er noch Träume hatte), das Falten der Zeitung und Verstauen in der Jackentasche; die Fahrt zu Arbeit mit Zeitungslektüre, wobei das einzige Überraschungsmoment die Reihenfolge ist, in der er die einzelnen Bögen aus der Tasche zieht. Dann beantwortet er acht Stunden lang Beschwerdebriefe, um danach nach Hause zu fahren, zu Hause die Jackentaschen von den gelesenen Zeitungsbögen zu leeren, etwas zu essen, einen genau eingeteilten Spaziergang zu machen und dann ein wenig Filmmusik zu hören.

Das war einmal sein großer Traum - Musik zu komponieren, für Filmszenen, die dadurch erst komplett werden. Stimmungen zu transportieren, die sonst gar nicht so unvermittelt spürbar gewesen wären, Worte und Gesten zu unterstreichen. Oder gar wie Morrione Musik zu Szenen zu schreiben, die noch nicht einmal gedreht wurden.

Aber wie das oft so ist mit Träumen: wenn man es nicht schafft, sie zu leben, verkümmern sie zu Hirngespinsten. Irgendwann musste auch Simon einsehen, dass er in genau der Mittelmäßigkeit festsaß, die er gerade eben am Klavier improvisierend untermalt hatte - und richtete sich radikal in einem eintönigen, spannungsarmen Leben ein.

Und wie das oft so ist beim Lesen: auch wenn man es vielleicht nicht sofort während der Lektüre feststellt, spätestens beim Zusammenfassen des Inhalts fragt man sich, warum der Protagonist sich denn dafür, dass sein Talent nicht ausreicht, gleich so derart kasteien muss. Es kommen dann zwar noch Passagen aus der Vergangenheit des Simon Bloch, die offensichtlich eine Art Erklärung für sein Verhalten liefern sollen, das dunkle Geheimnis aus der Jugend… aber in sich schlüssig wird das Ganze dadurch trotzdem nicht.

Egal. Erstmal weiter im Text. Es kommt dann nämlich eines Morgens zu einer unerhörten Begegnung: Simon erkennt in einem Bettler, dem er Geld in den Hut wirft, seinen Jugendfreund Gregor wieder. Und schon ist es mit seiner inneren Ruhe vorbei; dass es dann nachmittags plötzlich Sturm klingelt an seiner Wohnungstür erscheint ihm nachgerade folgerichtig. Plötzlich ist Gregor da, bittet ihn, etwas für ihn aufzubewahren, einen Aktenkoffer - und verschwindet dann wieder.

Bald schon merkt Simon, dass es nicht der Aktenkoffer war, den Gregor wirklich hier versteckt hat. Durch Zufall entdeckt er sie, die schäbige Ledermütze in der Alditüte, in der noch Blut und Haare kleben. Ganz gegen seinen Willen setzt er sie auf - und merkt überrascht, dass er dadurch unsichtbar wird. Eine Weile übt er, wie es sich damit nun verhält, dann experimentiert er, was nun alles für ihn möglich ist. Er entwickelt eine Sucht, eine Sucht danach, zu verschwinden, alles hinter sich zu lassen. Diese Sucht kann man wunderbar auch für die Sucht nach fast allen Stoffen, die den Menschen das zeitweilige Vergessen ermöglichen, anwenden.

Bloch vernachlässigt seine bisherigen Gewohnheiten, er verändert sich, es fällt ihm immer schwerer, die Kappe nicht einfach auf dem Kopf zu lassen. Bis er dann wieder mit Gregor konfrontiert wird, und damit auch mit der großen Schuld, die Gregor und er in ihren Jungendtagen auf sich geladen habe. Aber während Gregor sieht, welches Unheil von der Kappe ausgeht, wie sie den Menschen verändert, und sie daher zerstören will, kann Simon nicht davon lassen.

Es sind viele Ansätze zu den großen Sinnfragen des Lebens in diesem Buch enthalten. Wie gehen wir mit Schuld um, welche Verantwortung haben wir uns selbst und unseren Nächsten gegenüber, was wird aus unseren Träumen - Themen, die mich immer schon interessiert haben, und deren Umsetzung in Buchform ich gespannt beobachte.

Was mir bei diesem Roman aber gefehlt hat war etwas, das über die reine Fragestellung hinaus ginge. Ein Gedankenansatz, eine Interpretation, ein neue Perspektive in der Fragestellung habe ich leider vergeblich gesucht.

Dazu kommt, dass ich mit Orths` Sprache nicht richtig warm werden konnte. Er verwendet häufig Metaphern, die ich für nicht direkt misslungen, aber eben auch nicht treffend genug halte, und ist dabei auch noch sehr adjektivlastig. Aufgrund der Ausgangssituation im Buch und der enthusiastischen Empfehlung einer Bücherfreundin hatte ich mir mehr erhofft.

Markus Orths

Markus Orths, geboren 1969 in Viersen, studierte Philosophie, Romanistik und Anglistik. Seit zehn Jahren lebt er als Autor in Karlsruhe. Seine Erzählungen und Romane wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem gewann er im Jahr 2000 den open mike der Literaturwerkstatt Berlin, einen der wichtigsten Literaturwettbewerbe für junge Schriftsteller. Neben zahlreichen Stipendien (z.B. dem Aufenthaltsstipendium im Literarischen Colloquium Berlin) erhielt er u.a. den Förderpreis des Landes NRW und des Marburger Literaturpreises, den Moerser Literaturpreis, den Limburg-Preis sowie den Sir-Walter-Scott-Preis. Für Erzählungen aus FLUCHTVERSUCHE wurde ihm 2006 das Heinrich-Heine-Stipendium zugesprochen; für DAS ZIMMERMÄDCHEN erhielt er im Jahr 2009 das Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg sowie den Niederrheinischen Literaturpreis. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt 2008 wurde Markus Orths mit dem Telekom Austria Preis ausgezeichnet. Seine Romane wurden bislang in vierzehn Sprachen übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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