Javier Marias - Die Reise über den Horizont

Originaltitel: Travesía del horizonte
Roman. Klett Cotta 2002
205 Seiten, ISBN: 3608932399

Eine Abendgesellschaft, und übrig bleiben zwei Gäste - und der Gastgeber. Fräulein Bunnage hat ein besonderes Interesse an den Geschichten, die Holden Branshaw zu erzählen hat; schließlich behauptet er, den Grund zu kennen, warum der Autor Victor Arledge die letzten Jahre seines Lebens zurückgezogen auf einem Landgut verbracht hatte, ohne nochmals etwas zu schreiben. Ein Umstand, der Fräulein Bunnage, der anerkannten Arledge-Expertin, nicht geläufig war; aber Branshaws Freund hatte einen Roman darüber geschrieben, und willigt ein, diesen vorzulesen.

Neugierde war es, eine seltsame, obsessive Neugierde, die Arledge dazu trieb, eine höchst seltsame Expeditionsfahrt in die Antarktis auf einem Schiff voller Künstler und einiger weniger Forscher mitzumachen. Wenige Monate zuvor hatte Arlidge von einem Freund einen Brief erhalten, worin dieser ihn von einer merkwürdigen Begebenheit informierte: Bayham, ein bekannter Musiker (und nun auch mit an Bord) war eines Abends von seinem üblichen Spaziergang nicht nach Hause gekommen und erst 4 Tage später wieder aufgetaucht. Er wäre entführt worden, nach Schottland gebracht und dort in einem Haus festgehalten und von der hübschen Tochter des Hauses verführt worden, so lautete zumindest seine Geschichte - die Arledge unbedingt zu verifizieren gedachte.

Doch dies stellte sich nicht so einfach dar, wie er gehofft hatte; denn Bayham war immer in Gesellschaft eines jungen, attraktiven Mädchens und dessen Vater. Und auch als diese Hürde überwunden war, wollte Bayham nicht über die Vorkommnisse reden, deren Aufklärung Arledge so dringend wünschte.

Aber das Leben an Bord war ohnehin aufregend genug; ein Mitglied der Besatzung wurde vermisst; im nächsten Hafen wurde ihnen mitgeteilt, dass er wohl ermordet worden wäre; Unruhen und Unstimmigkeiten bestimmten das Schiffsleben - bis auch noch der Kapitän verrückt spielt...

Es ist wie mit den russischen Babutschka-Puppen: man macht eine auf, und findet die nächste, die die nächste beinhaltet, die die nächste beinhaltet... so führt auch hier eine Geschichte zur nächsten.

"Die Reise über den Horizont" ist ein Frühwerk des spanischen Erfolgsautors, und das merkt man dem Text auch an. Gerade zu Beginn bedarf es einiger Geduld, die langen Schachtelsätze aufzulösen und darauf zu hoffen, dass Marías irgendwann auch anfängt, seine Geschichten zu erzählen.

Ich bin sicher, dass eine Unmenge klug-literarischer Anspielungen in diesem Roman enthalten sind, die mir mangels Kenntnissen nicht aufgefallen sind. Aber wenn man sich auf eine altmodische Abenteurergeschichte einlässt, macht der Roman auch so Spaß - wenn auch nicht auf dem Niveau, das seine anderen Romane erreicht haben.

Javier Marias

Javier Marías wurde am 20.9.51 in Madrid geboren. Sein Vater ist ein bedeutender spanischer Philosoph. Er ist einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller Spaniens.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©26.07.2002 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing