Javier Marias - Mein Herz so weiß

Originaltitel: Corazón tan blanco
Roman. Klett Cotta 1992
368 Seiten, ISBN: 3423125071

Wenige Tage, nachdem sie von der Hochzeitsreise zurückgekehrt war, erschießt sich die frischverheiratete Frau im Badezimmer ihrer Eltern mit der Pistole des Vaters.

Die Frau wäre Juans Tante gewesen - oder auch nicht, denn wäre sie am Leben geblieben, hätte Ranz ihre Schwester nicht geheiratet, wäre Juan nicht geboren worden.

Juan, der Ich-Erzähler, hat selber gerade geheiratet. Ein leichtes Gefühl der Beklemmung lässt ihn nicht los, er empfindet - bei aller Liebe zu seiner Frau - doch den Zustand der Ehe als unnatürlich, die gemeinsame Wohnung als künstlich. Zu dieser Zeit erfährt er auch erst vom gewaltsamen Tod seiner Tante - zuvor hatte er angenommen, sie wäre an einem Unfall gestorben. Auch ist plötzlich die Rede von einer dritten Frau, einem Aufenthalt seines Vaters in Kuba, der Juan nicht bekannt war.

Auch wenn er die Geschichte nicht wirklich wissen will - er weiß zuviel, um nicht auch den Rest wissen zu wollen. Aber es ist seine Frau, Louisa, der Ranz eines Tages das schreckliche Geheimnis verrät....

Ein unglaubliches, hervorragendes Buch! Marias erzählt mit einer Detailverliebtheit, die nicht mehr zu übertreffen ist. Eine Szene, die sich in wenigen Sekunden abspielt, beansprucht durchaus mal 10 oder mehr Seiten, da nicht nur die Handlung, sondern jedes Minenspiel, jede Assoziation, die dadurch ausgelöst wird, beschrieben wird.

Lange Zeit ahnt man auch nicht, wie der Erzähler den Bogen der Geschichte spannen wird - wie er von diesem Selbstmord über die Beobachtung einer Begegnung in Havanna, von der Ehe Juans und Louisas, ihrer ersten Begegnung wieder zur Ursache des Selbstmords zurückzukehren.

Wenn man das Buch nicht nur einmal, sondern mehrmals liest, bemerkt man erst die unglaubliche Stimmigkeit. Jedes Detail, das beschrieben wird, stimmt auch 200 Seiten später noch, bezieht sich darauf.

Marias erzählt neben der eigentlichen Geschichte unzählige andere, Kleinigkeiten, Gedankengänge - und schafft es trotzdem, den Leser nicht den Faden verlieren zu lassen.

Eines meiner absoluten Lieblingsbücher!

Javier Marias

Javier Marías wurde am 20.9.51 in Madrid geboren. Sein Vater ist ein bedeutender spanischer Philosoph. Er ist einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller Spaniens.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©04.04.1994 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing