Javier Marias - Morgen in der Schlacht denk an mich

Originaltitel: Manana en la batalla piensa en mí
Roman. Klett Cotta 1994
428 Seiten, ISBN: 3608936882

Niemand denkt daran, dass er je eine Tote im Arm halten könnte. Doch genau das passiert Víctor - und das, als er gerade im Begriff ist, zum ersten Mal mit Marta ins Bett zu gehen.

So befindet er sich plötzlich in einer Wohnung, in der er noch nie zuvor war, mit einer Toten - und deren kleinen Sohn. Was soll er machen? Niemand soll wissen, das er hier war, nichts soll darauf hindeuten - schließlich ist Marta verheiratet, er möchte doch nicht posthum ihren Ruf schädigen. Andererseits kann er doch auch ein zweijähriges Kind nicht alleine lassen mit einer Toten. Schlussendlich richtet er dem Kleinen etwas zu Essen, geht - und nimmt noch die Kassette aus dem Videorekorder mit, um sicherzugehen, das sein Anruf nicht aufscheint.

Doch der Tod dieser Frau lässt ihm keine Ruhe - unter einem Vorwand beginnt er, mit der Familie Kontakt aufzunehmen. Langsam stellt er auch die Fragen, die ihn interessieren - wie sie gefunden wurde, wie ihr Mann erreicht wurde, der währenddessen mit seiner Geliebten in London war.

Und auch er hat eine Geschichte zu erzählen - denn die Abtreibung, die seine Geliebte vortäuschte, findet in Wirklichkeit gar nicht statt. Und auch ihr Schicksal besiegelt sich in diesen Tagen - es wäre anders verlaufen, hätte Martas Mann zu diesem Zeitpunkt bereits vom Tod seiner Frau gewusst...

Eigentlich ist der Plot dieser Geschichte sehr originell - ein erstes Rendezvous, das tödlich endet, die Fragen, mit denen sich Víctor daraufhin herumschlägt, und auch die unbeantworteten Fragen, die die Familie niemandem mehr stellen kann.

Doch leider schwafelt Marias ziemlich langatmig dahin in diesem Buch. Aus einiger zeitlicher Entfernung, wenn man die langatmigen, weitschweifigen Passagen als unwichtig aus dem Gedächtnis streicht, bleibt eine interessante, eigenwillige Geschichte übrig. Die Frage, wie ein Mensch sich fühlt, wenn er einen Tag noch im Bewusstsein lebt, der Partner wäre auch am Leben - während dieser schon tot ist - hat mich noch lange beschäftigt.

Trotzdem: an "Mein Herz so weiß" kommt es nicht heran.

Javier Marias

Javier Marías wurde am 20.9.51 in Madrid geboren. Sein Vater ist ein bedeutender spanischer Philosoph. Er ist einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller Spaniens.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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