Dacia Maraini - Ein Schiff nach Kobe

Originaltitel: La nave per Kobe. Diari giapponesi di mia madre
Roman. Piper Verlag 2003
204 Seiten, ISBN: 3492044891

"Sie haben viel mit dir zu tun, nimm sie" hört Dacia eines Tages von ihrem Vater, der in einer Schublade lang vergessene Tagebücher von Dacias Mutter findet. Sie beginnen mit der Abreise nach Japan am 31. Okober 1938 und enden einige Zeit vor der Inhaftierung der Familie im japanischen Konzentrationslager.

Dacia war bei der Abreise noch keine zwei Jahre alt; ihr Vater, Fosco, hatte einen Forschungsauftrag erhalten, der ihm ermöglichte, das faschistische Italien zu verlassen. Und Topazia, seine junge Frau, setzte sich über die Vorschriften ihrer aristokratischen Familie hinweg und folgte ihm.

Es ist eine lange, gemächliche Schiffsreise nach Japan; Dacia, die in ihrem erwachsenen Leben unter starker Seekrankheit leidet, zeigt als Kind noch keine Anzeichen dafür; sie genießt die Fahrt, genießt es, von den anderen Passagieren und der Besatzung verwöhnt zu werden. Auch in Japan wird sie von den Rufen "kawai" begleitet - süß, und süß ist sie sicher auch anzusehen, die strohblonde kleine Dacia, zu einer Zeit, als noch kaum Ausländer in Japan anzutreffen sind.

Sie spricht besser japanisch als italienisch, tollt mit den anderen Kindern herum, besucht die Schule, kümmert sich um die beiden Schwestern, die kurz nach ihr geboren werden - und wird auch immer wieder krank, was die Mutter gewissenhaft in ihrem Tagebuch verzeichnet, ebenso wie die Diät, die sie ihren Kindern dann verabreicht.

Trotz der innigen Liebe zur Mutter ist es aber der Vater, der ihr großer Held ist; ihr häufig abwesender Vater, der schon berufsbedingt viel reisen muss - er ist Ethnologe und erforscht die Ainu, die in der Gegend von Sapporo lebten. Mittlerweile sind sie auf wenige hundert alte Menschen reduziert, die nicht mehr die eigene Sprache sprechen.

Das Idyll bleibt nicht lange bestehen - Japan tritt in den Krieg ein, die Familie soll Stellung beziehen, und sowohl Fosco als auch Topazia entscheiden sich für ihr Gewissen und gegen die Sicherheit und werden ins Konzentrationslager gebracht.

"Das japanische Tagebuch meiner Mutter" lautet der Untertitel dieses Buches; im Anhang sind diese Tagebücher und viele Familienfotos auch abgebildet, im Text selbst jedoch spielen sie nur eine untergeordnete Rolle. Die Zeit in Japan, die ich hier kurz zusammengefasst habe, das war es eigentlich, was mich an diesem Buch wirklich interessiert hatte - allerdings sind das immer nur Randnotizen, Ausgangspunkt für lange Überlegungen der Autorin zu den verschiedensten Themen, Missionare in Afrika, Tierliebe, Ewigkeit, Religionen... jeder Teil für sich genommen nicht uninteressant, aber in der Fülle manchmal schwer zu ertragen, zumal die Autorin in einen für mich zu stark predigenden Ton verfällt.

Manchmal war ich schon sehr verwundert, wohin eine kurze Notiz der Mutter die Autorin führen kann; leider erst ganz gegen Ende, als eine Zeit angesprochen wurde, zu der es keine Tagebücher mehr gibt, kommt die Mutter stärker zu Wort, zuvor spricht die Tochter, überlagert die Tagebücher mit ihren viel späteren Erfahrungen, führt aber auch diese nicht wirklich aus. Begegnungen auf Reisen, die mir zu stark aus einem Zusammenhang gerissen wurden, füllen zu Beginn viele Seiten des Buches.

Ohne Frage aber ist Dacia Marainis Familie schon an sich höchst interessant; von den unkonventionellen Großeltern angefangen bis zu ihren reise- und abenteuerlustigen Eltern erstaunt jedes Familienmitglied mit einer eigenwilligen Biographie.

Auch wenn meine Erwartungshaltung aufgrund des Titels doch eher enttäuscht wurde, habe ich viele Stellen in diesem Buch gefunden, die meine Neugierde geweckt haben.

Dacia Maraini

Dacia Maraini, geboren 1936 in Fiesole bei Florenz, ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Autorinnen Italiens und wurde weltweit in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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