Sandor Marai - Wandlungen einer Ehe

Originaltitel: Az igazi / Judit ...é az utóhang
Roman. Piper Verlag 2003
461 Seiten, ISBN: 3492044859

Die Originalausgabe des ersten und zweiten Teils erschien 1931 unter dem Titel "Az igazi" , auf deutsch 1948 unter dem Titel "Der Richtige". Der dritte Teil wurde vom Autor noch in Budapest konzipiert, aber erst im italienischen Exil 1948 fertiggestellt. Er erschien erstmals 1980 unter dem Titel "Judit ...é az utóhang". Auf deutsch war er - ohne das Nachwort (Utóhang) des Autors - zusammen mit dem ersten und dem zweiten Teil bereits 1949 unter dem Titel "Wandlungen einer Ehe" veröffentlicht worden.

Aus dem Ungarischen Frühjahr 2003 von Christina Viragh

Die eigentliche Handlung dieses in drei langen Monologen erzählten Romans ist rasch skizziert: ein reicher Bürgerlicher, schon etwas älter, heiratet eine junge, attraktive Frau, die ihn leidenschaftlich liebt. Er liebt sie auch - aber nicht so innig und ausschließlich, wie sie es sich wünschen würde. Sie spürt, dass er sich ihr nie ganz öffnet, dass er mit etwas zurückhält. Nur als das Kind geboren wird, da scheint sich ein Wandel zu vollziehen. Er bemüht sich um des Kindes wegen, sich ihr zu öffnen; und sie spürt es, liebt das Kind dafür umso leidenschaftlicher. Doch das Kind stirbt, und zu den Schuldgefühlen schleicht sich die Gewissheit, dass es im Leben ihres Mannes eine Frau gibt, die für ihn passender wäre, die er wirklich lieben könnte. Und sie ist bereit zu kämpfen, aber dazu muss sie erst diesen Schatten finden, diese Frau, von der das Band stammt, das sie eines Tages in der Brieftasche ihres Mannes findet.

Sie braucht nicht weit zu suchen; im Haus ihrer Schwiegermutter wird sie fündig, trifft sie auf Judit, die Haushälterin. Schon tausendmal hatte sie sie gesehen, hatte sich von ihr die Tür öffnen lassen, sich bedienen lassen - doch erst jetzt spürte sie, dass zwischen ihr und ihrem Mann eine gemeinsame Vergangenheit stand. Ja, er hatte sie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle, damals. Sie war nie seine Geliebte, hatte kaum ein Wort mit ihm gewechselt, er hatte sie nur gesehen, sie, so schön und stattlich und von dieser eigentümlichen Ruhe. Damals hatte sie mit Nein geantwortet; doch heute, heute würde sie ohne zu zögern ja sagen.

Vor Péter hielten sie es geheim, die Frauen seines Lebens, dass sie nun alle informiert waren. Judit ging nach England, und er - er wurde krank, richtig krank. Bis sie eines Tages zurück war, ihn rief - und er ging. Er ging, ließ sich scheiden, heiratete Judit. Und wurde glücklich? Nein. Glück ist in dieser Geschichte nicht vorgesehen.

Vor der Kulisse eines zerfallenden Europas wird hier die Geschichte einer verhängnisvollen Dreiecksgeschichte erzählt, in der nicht nur das persönliche Drama dreier Menschen geschieht, sondern auch eine ganze Klasse, die Bürgerlichen, in ihrer Existenz bedroht sind.

Péter ist reich geboren, ein Bürgerlicher durch und durch, der seine Klasse kennt und auch um ihre Beschränkungen weiß; darin sieht er auch den Grund für das Scheitern seiner ersten Ehe. "Sie war eine Bürgerliche" lautet sein Urteilssatz, als er einem Freund von seinen beiden gescheiterten Ehen erzählt. Eine Bürgerliche, die aber nicht reich war, die sich zwar immer richtig benahm, nie aus der Rolle fiel, dabei noch jung und schön war - aber nicht aus ihrer Rolle springen konnte.

Wie anders dagegen Judit, die starke Frau aus der Unterschicht, mit ihrer natürlichen Würde - sie würde seine Einsamkeit lindern, die Gefühlsstarre, in der er verharrte, aufbrechen - und entpuppt sich dann doch nur als eine Frau, die das will, was er hat. Sie will eine Bürgerliche werden, mit allen Vorteilen der Rolle, die sie sich perfekt angeeignet hat. Und doch ist sie nie gleichberechtigt - nicht, weil ihre Umwelt sie nicht akzeptiert, sondern weil sie im Inneren stets ihre Dienerrolle beibehält.

Im ersten Teil, als Péters erste Frau einer Schulfreundin ihre Geschichte erzählt, da hat die Geschichte noch Kraft und Schwung; auch wenn nicht unbedingt verständlich ist, was die junge Frau antreibt, so wird es doch anschaulich gemacht, ist es aus einer gewissen Distanz nachvollziehbar, warum sie ihren Mann so mit Haut und Haaren kennen und besitzen will - aus Liebe. Auch wenn ihr Mann ihr sagt "Ich habe kein wirkliches Bedürfnis, geliebt zu werden. [] Genau das ist es, was die Frauen nicht glauben, nicht verstehen, nicht wissen können, dass es eine Art von Mann gibt, der keine Liebe braucht. Der auch so leben kann" gibt sie nicht auf - und findet dann ja auch die Frau, die für ihren Mann offenbar "die Richtige" ist.
Sie kämpft wie eine Löwin, kämpft auch bei der Scheidung, ist rachsüchtig - aber bewahrt sich dennoch ihre Würde.

Im zweiten Teil hält der Mann seinen langen Monolog, wie auch die Frau erzählt er das Geschehen einem alten Freund, der ins Ausland ausgewandert war; doch sein Erinnern dreht sich weniger um Gefühle, als um Klassen, um seine Weltanschauung, die hier überreichlich präsentiert wird. Sätze wie "Gehorsam und bereitwillig - aber nicht, weil sie ein Dienstmädchen war, sondern eine Frau, die wortlos dem Mann gehorcht, dem Mann, der als einziger das Recht hat, ihr zu befehlen" oder "Für die Frau, wenn sie eine wirkliche Frau ist, gibt es nur eine einzige Heimat: den Platz, den der Mann, zu dem sie gehört, in der Welt innehat" sprechen eine deutliche Sprache; und aus jeder Seite des Buches dünstet diese Einstellung heraus, dass Frauen nur Bewerk sind, dass sie weniger wert sind, dass sie zu wahrer Größe nicht fähig sind.

Ja - aber die Liebesgeschichte zu Judit, was ist mit der? Auch die Aussage, die hier dahinter steckt, lässt mir die Haare zu Berge stehen: ein reicher Mann bittet ein Dienstmädchen, ihn zu heiraten, erklärt ihr aber im gleichen Atemzug, dass er sich wahrscheinlich mit ihr in Gesellschaft schämen würde. Sie sagt nein, er geht, reist ein paar Jahre um die Welt, heiratet, lässt sich scheiden, heiratet das Dienstmädchen, das sich in der Zwischenzeit alle Kenntnisse seiner Klasse angeeignet hat.

Wenn man aber zum Zeitpunkt des abgelehnten Heiratsantrags noch von Größe sprechen kann, dann entpuppt sie sich später dann doch als Frau, die nur auf Geld aus ist, die ihren Mann bestiehlt, die andere Liebhaber hat; eine Frau eben, die aus der Unterschicht kommt und nicht die moralische Größe des Bürgertums hat. Der Autor wird auch nicht müde zu betonen, wie schön sie trotz ihrer ärmlichen Herkunft wäre, hebt bei jeder Kleinigkeit den Unterschied hervor zu den Menschen, die seiner eigenen Klasse entsprechen.

Den ersten Teil des Buches kann ich noch guten Gewissens weiterempfehlen; hier erlebt man noch einmal den Autor der "Glut", kann sich verlieren in der schönen Sprache, den mit großem psychologischem Gespür geschilderten Emotionen. Der Rest ist nicht nur furchtbar geschwätzig, sondern vor allem auch in seiner Aussage für mich völlig inakzeptabel.

Sandor Marai

Sándor Márai, geboren 1900 in Kassa (heute Slowakei), gestorben 1989 in San Diego. Seine zahlreichen Romane und Tgaebücher, die wie die Werke Robert Musils und Joseph Roths heute zum Kanon der europäischen Literatur dieses Jahrhunderts gehören, in Márais Heimat Ungarn jedoch jahrzehntelang verboten waren, werden nun international wiederentdeckt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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