Sandor Marai - Lieber Tibor

Originaltitel: --
Roman. Piper Verlag 2002
336 Seiten, ISBN: 3492043771

Herausgegeben und aus dem Ungarischen übersetzt von Tibor Simányi, Frühjahr 2002

Zwanzig Jahre umfasst der Briefwechsel des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai mit dem ebenfalls ungarischen, im Exil lebenden Tibor Simányi. Im hier vorliegenden Band sind vornehmlich die Briefe Márais an Simányi abgedruckt, da er selbst nur wenige Briefe, die er erhalten hatte, aufbewahrt hatte.

Aus Briefen, die zu Beginn vornehmlich dem literarischen Werk Márais gelten, entwickelt sich eine enge Freundschaft, die bis zum Freitod Márais anhält.

Sándor Márai hatte in den Jahren vor dem Exil eine Reihe von hochgelobten Romanen verfasst, die ihm zu einiger Bekanntheit verholfen hatten. Doch mit dem kommunistischen Regime, seinem Fortgang aus Ungarn, hatte er nicht nur seine Leserschaft sondern auch seine Sprache verloren. Seine Bücher waren in Ungarn lange Zeit verboten - und als das Regime die Veröffentlichung wieder genehmigt hätte, war Márai es, der die Verbreitung untersagte - zumindest solange, bis die diktatorischen Verhältnisse im Land abgeschafft worden wären.

Im Ausland, in Europa vornehmlich, lassen sich seine Bücher in dieser Zeit kaum verkaufen; schwer ist es, einen Verleger zu finden, kaum eines seiner Bücher findet den Weg in die Buchhandlungen. In Kanada sitzt sein Verlag, der seine Romane, vor allem aber seine Beobachtungen und Tagebücher für die kleine ethnische Minderheit der Ungarn im Ausland druckt.

Über die Schwierigkeiten und Überlegungen, die mit diesen Veröffentlichungen verbunden sind, schreibt er an Simányi; aber auch über die Politik in Osteuropa, über den Terrorismus, immer wieder natürlich auch über Italien, wo er bis 1979 mit seiner Frau lebt. Und gerade diese Betrachtungen sind es auch, die das Lesen dieses Briefwechsels so interessant machen. Erstaunlich scharfsichtig präsentieren sich diese Beobachtungen zum Teil. Es sind nicht unbedingt optimistische Schlussfolgerungen, die er aus den Geschehnissen zieht; ob es eine Alterserscheinung oder eine Grundeinstellung ist, weiß ich nicht, aber die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten klingt immer wieder durch.

Des weiteren ist er auch der Ansicht, dass kaum ein Buch, das neu auf den Markt kommt, tatsächlich noch "Literatur" ist. Über die unzähligen Neuerscheinungen, die während der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden, tauscht er sich mit seinem Freund aus; beklagt das Fehlen einer charismatischen Kritiker-Figur, die dem Literaturbetrieb neuen Schwung zu geben wüsste.

Man muss auch nicht immer zwischen den Zeilen suchen um den Tonfall der Verbitterung zu vernehmen, dass aus dem einst vielbeachteten Autor nunmehr ein literarisches "Niemand" geworden ist; Festschriften zu seinem 75, seinem 80. Geburtstag, die Simányi den Zeitungen vorschläft, lehnen diese ab, erkennen ihm nicht genügend Bedeutung zu.
Wobei hier kein falscher Eindruck entstehen soll: meist konstatiert Márai nur, dass die Antworten von Verlagen und Zeitungen eben seinen Erwartungen entsprächen.

Auch wenn Márai sich als sehr zurückhaltender, höflicher Briefeschreiber präsentiert; mit zunehmender Herzlichkeit des Kontaktes werden auch persönlichere Informationen ausgetauscht, den Gesundheitszustand betreffend wie auch die Krankheit seiner Frau, die 1986 stirbt.

Márai zeigt sich auch in der privaten Form als wunderbarer Stilist; gerade im ersten Drittel bin ich immer wieder über Passagen gestolpert, die ich genüsslich wieder und wieder gelesen habe. Die kurze Auseinandersetzung um Wien und die Wiener (wie unten im Textauszug nachzulesen) ist dafür nur ein Beispiel.

Dieses Buch war für mich vor allem ein Stück sehr lebendiger Zeitgeschichte; Kommentare zum aktuellen Tagesgeschehen von einem hochintelligenten, kritischen Beobachter aufgezeichnet, verlieren auch nach Jahren nichts an ihrer Aussagekraft. Alleine schon aus diesem Grund hat es sich gelohnt, das Buch zu lesen.

Ein so persönliches Werk bringt den Autor dem Leser natürlich auch auf einer persönlichen Ebene näher; es ist interessant zu lesen, welche Kommentare ein Autor selbst zu einem Buch abgibt, das einige Jahre zuvor erschienen war. Speziell auf "Land, Land" wurde mein Interesse gelegt, ein Buch, das ich bestimmt in absehbarer Zeit zu lesen versuche.

Die Kommentare Simányis, der auch die Einleitung zu diesem Buch verfasst hat, wiesen in meinen Augen zu viel ehrfürchtige Verehrung auf; eine kritische Betrachtung kann man von ihm nicht erwarten.

Als begeisterten Leser seiner Prosa hat es mich auch gefreut festzustellen, dass noch eine große Anzahl seiner Romane der Übersetzung ins Deutsche harren. Was ich zum Beispiel auch nicht wusste: Dass Márai auch als Theaterautor bekannt war. Gute Aussichten für Fans!

Sandor Marai

Sándor Márai, geboren 1900 in Kassa (heute Slowakei), gestorben 1989 in San Diego. Seine zahlreichen Romane und Tgaebücher, die wie die Werke Robert Musils und Joseph Roths heute zum Kanon der europäischen Literatur dieses Jahrhunderts gehören, in Márais Heimat Ungarn jedoch jahrzehntelang verboten waren, werden nun international wiederentdeckt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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