Thomas Mann - Joseph und seine Brüder. Die Geschichten Jaakobs

Originaltitel: Joseph und seine Brüder. Die Geschichten Jaakobs
Roman. S. Fischer Verlag 1933
383 Seiten, ISBN: 3596294355

"Es sitzt das Kind an der Tiefe" sagt Jaakob besorgt zu seinem Lieblingskind, Joseph, als er diesen mitternächtens dabei entdeckt, den Mondgöttern zu huldigen. Unentschuldbar dies, eigentlich - dass ein Sohn des Jaakob abtrünnig wird dem einzig wahren Gott, der keine anderen neben sich duldet. Doch - es ist Jaakobs Lieblingssohn. Der einzig wahre Sohn, so nennt er ihn auch - sehr zum Missfallen der Brüder, denen viel mehr das Recht des Erstgeborenen zufällt.

Aber um eben dieses Recht des Erstgeborenen hat es ja schon immer viel Streit gegeben. Schließlich hat auch Jaakob selbst den Segen des Vaters an den Erstgeborenen mithilfe der Mutter erschlichen - während Esau, sein Zwillingsbruder noch dabei war, ein Wild für des Vaters gewünschtes Mahl zu jagen, hatte Jaakob ein Zicklein geschlachtet, das die Mutter dann nach des Vaters Geschmack zubereitet hatte. Und, um die Ähnlichkeit mit dem behaarten, viel grobschlächtigeren Bruder zu erreichen, Jaakob mit Fell umwickelt - so war der Betrug gelungen.

Und seines Bleibens nicht mehr lange. Zu Verwandten seiner Mutter zieht es ihn nun; allerdings wird er vorher noch aller weltlichen Habe verlustig, denn zumindest das vermag Esau ihm abzujagen, wenn schon nicht den so viel stärker begehrten Segen.

Dass er vom Oheim mit offenen Armen begrüßt würde, kann man nicht gerade behaupten. Ganz im Gegenteil: als Laban erkennt, dass an Joseph nichts dran ist ausser dem dubiosen Segen des Vaters (und natürlich des Gottes, den hier keiner kennt), verdingt er ihn erstmal ohne Lohn als Mietsklave. Der Segen scheint zu wirken: rasch findet Jaakob eine Quelle, die Laban unabhängig macht. Nun kann Joseph auch um Rahel, die süßäuigige freien, die ihn seit seiner Ankunft schon verzaubert hat - ja, die jüngere, die ältere Tochter, Lea, auch die blödgesichtige genannt, einfach übergehend. Er soll sie haben, gesteht Laban ihm zu - nach sieben Jahren der Fron…

Die Geschichte, die Thomas Mann hier in seinem monumentalen Werk erzählt, ist ja schon seit alters her bekannt - die Geschichte des Jaakob und Esau, Josephs und seiner Brüder steht schon in der Bibel geschrieben. Allerdings bestimmt nicht in dieser Ausführlichkeit und Schärfe!

Er erzählt nicht einfach nur eine alte Geschichte nach - er erzählt vom Erzählen an sich, von der Art, wie Geschichten überliefert werden, welche Bedeutung dem Mythos in der Bewältigung des täglichen Lebens zukommt. Alles ist schon dagewesen - Bruderzwist, Vatermord, Inzest, Betrug - man muss nur weit genug zurückgehen. Und manchmal ist es dem Jaakob, wenn er von seinem Leben erzählt, selber gar nicht mehr bewusst, ob er nun Jaakob ist, oder doch Abraham?

Aber was diesen Roman (beziehungsweise stellvertretend diesen ersten Band des Monumentalwerks) für mich so besonders lesenswert machte, war die Sprache, deren Thomas Mann sich befleißigte. Natürlich wäre die Geschichte ohne seine plastischen Beschreibungen wahrscheinlich auf ein Drittel zu kürzen gewesen, aber wer möchte nun gerade diese geschliffenen Konstrukte missen!

Die Beschreibung, die er von Joseph liefert, um nur ein Beispiel zu nennen - von herrlichem Wuchs, gefälligem Auftreten und einiger Intelligenz gesegnet, ist er trotz alledem vor allem eines: Ein eitles Plappermaul, der ständig Unfrieden stiftet. Dass seine Brüder diesen Typen loswerden wollten ist nur zu verständlich!

Aber auch Jaakob wird nicht gerade als strahlender Held geschildert; alleine die Schilderung seines "Sinnens" kann man nur als gelungen und bitterböse bezeichnen.
Aber den Reiz dieses Werkes kann man nur erfahren, wenn man es selber liest - was ich gerne weiterempfehle!

Thomas Mann

Paul Thomas Mann (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich), zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern. 1929 erhielt er für sein Werk "Die Buddenbrocks" den Nobelpreis für Literatur. Er wurde in Lübeck geboren und wohnte seit 1894 in München. 1933 verließ er Deutschland und lebte zuerst in der Schweiz am Zürichsee, dann in den USA. Später hatte er seinen Wohnsitz in Kalifornien, zuletzt wieder in der Schweiz.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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