Henning Mankell - Die rote Antilope

Originaltitel: Vindons son
Roman. Zsolnay Verlag 2000
380 Seiten, ISBN: 3552051694

Aus ihm würde nie etwas rechtes werden, dieser Eindruck wird Hans Bengler immer wieder vermittelt. Und er glaubt auch selber daran. Bis er sich eine fixe Idee in den Kopf setzt: er will nach Afrika, und dort in der Wüste ein Insekt finden, das vor ihm noch keiner erforscht hat. Weit und beschwerlich ist sein Weg dahin. Und in Afrika ist nichts einfach. Zwar wird ihm ein Ochsengespann, ein paar Diener und eine Wegbeschreibung teuer verkauft; aber sein Ziel scheint immer weiter in die Ferne zu rücken.

Er versteht sie nicht. Er versteht die Schwarzen nicht, die ihm dienen sollen; versteht auch die Weißen nicht, die er dann doch noch in der kleinen Kolonie mitten in der Wüste trifft; und dann präsentiert ihm das Schicksal einen kleinen Jungen, der als Tausch gegen einen Sack Mehl gehandelt wurde.

Er will ihm helfen, diesen Jungen, dessen Namen er nicht weiß; er wird ihn mit zu sich nach Hause nehmen, mitnehmen nach Schweden. Und er gibt ihm einen neuen Namen: Daniel. Die neue Umgebung verängstigt den Jungen. Plötzlich muss er Schuhe tragen, die seinen Füßen Schmerzen bereiten, muss mit Messer und Gabel essen, und er wird mit dem Strick festgebunden, damit er nicht
davonlaufen kann.

So kommen sie bis nach Schweden. War die Fahrt bisher schon schwer genug, muss Daniel jetzt erleben was es heißt, angestarrt zu werden. Die Menschen sind nicht nur neugierig, sie fürchten sich auch, wollen ihn anfassen, abschrubben. Und sein "Vater" muss zusehen, wie er Geld verdienen kann. Die Zeiten haben sich nicht verbessert; es gibt nach wie vor wenig Möglichkeiten zum Broterwerb, wenn man nicht weiß, was man eigentlich kann. Und für seine Ergebnisse der Insektenforschung interessiert sich nicht wirklich jemand.

Aber da ist ja noch der Junge. Der Junge, den alle sehen wollen - und der jetzt auch für Geld gezeigt wird. Er ist schnell von Begriff; Daniel lernt die neue Sprache und die Regeln rasch, auch wenn er nicht begreift, wofür sie gut sind. Aber eigentlich wartet er nur auf den Tag, da er nach Hause zurückkehren darf, zurück in die Wüste, zurück zu dem Felsen, in den seine Vorfahren begonnen hatten, Tierbilder auf den Felsen der Götter zu malen. Und er war dazu ausersehen, die Antilope fertig zu stellen.

Um es gleich zu sagen: ich war von diesem Buch ziemlich enttäuscht. Nachdem ich Wallander als Krimiautor sehr zu schätzen gelernt habe und nach dem großen Erfolg seines Afrika-Buches "Der Chronist der Winde" hatte ich mit einem Roman gerechnet, der die Erfahrungen Mankells verarbeitet; Mankell lebt die Hälfte des Jahres in Mosambique und kümmert sich mit großem Engagement um Straßenkinder.

Aber die "rote Antilope" zeigt zwar ein sehr trauriges, entrüstendes Beispiel von der Arroganz und Kurzsichtigkeit der ersten gegenüber der dritten Welt, zeigt, dass zwar sicher der gute Wille zum Helfen da war, aber eben keine Sekunde lang darüber nachgedacht wurde, ob der Mensch, dem man hier helfen will, denn auch eigene Bedürfnisse hat. Dass Hans Bengler Daniels Geschichte
erfindet, als er sie einer Reporterin erzählt, ist bezeichnend; auch, nachdem der Junge ihm entrüstet sagt "ich habe nie einen Löwen gesehen" fängt er nicht an, ihn zu fragen, wie die Geschichte denn wirklich stattgefunden hat.

Und dass der einsame, alleingelassene Junge in dieser fremden Welt nichts anderes will, als wieder warmen Sand unter seinen Füßen zu spüren, das ist wirklich traurig und ergreifend, aber: leider nicht gut geschrieben.

Es funktioniert einfach nicht, dieses Buch. Solange die Erzählperspektive Hans Bengler folgt, ist die Geschichte noch stimmig. Aber dann wird umgeschalten: nun wird erzählt, wie Daniel erlebt. Und hier hakt es plötzlich. Es ist, als wollte ein Erwachsener weißer erzählen, wie er sich wahrscheinlich fühlen würde, wäre er als kleiner schwarzer Junge vor hundert Jahren in das kalte Schweden gekommen. Und diese Absicht liest man aus jeder Zeile heraus. Zwar kann Daniel anfangs kein Wort Schwedisch, aber schon kurz darauf ist er der Sprache vollends mächtig; um kurz darauf wieder nichts zu verstehen. Aber das sind nur einzelne Details.

Urplötzlich schlägt dann auch der Krimiautor wieder zu; es gibt ein totes Mädchen und einen, der dafür verantwortlich ist.

Alles in allem: nicht überzeugend.

Henning Mankell

Henning Mankell, 1948 in Häjedalen geboren, ist einer der angesehensten Schriftsteller Schwedens. Er lebt als Regisseur und Autor in Maputo / Mosambik.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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