Andrei Makine - Das französische Testament

Originaltitel: Le testament francais
Roman. Diana Verlag 1997
322 Seiten, ISBN: 3453150244

Der Klappentext fasst den Inhalt so gut zusammen, das ich diesmal darauf verzichte, dies mit eigenen Worten zu tun:

Jeden Sommer verbringt Aljoscha bei seiner Großmutter Charlotte in der unendlichen Weite Sibiriens, "wo der Himmel so weit und die Wälder so tief sind, dass man sich keinen Menschen darin vorstellen kann". Eines Tages stößt der Junge auf Charlottes "sibirischen Koffer", der angefüllt ist mit Zeitungsartikeln, Bildern und Erinnerungsstücken aus Paris, wo sie einst ihre Kindheit verbracht hat.


Charlotte weiß zu jeder Episode ihres wechselvollen Lebens eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen, und Aljoscha kann nicht genug hören von Marcel Proust, der in Neuilly Champagner trank, vom Besuch des Zaren in Paris und vom Tod des Präsidenten in den Armen seiner Geliebten. Doch Aljoscha ist nicht nur stolz auf seine französische Großmutter, die ihm so manchen Spott seiner Schulkameraden einbringt und ihn verzweifelt nach seiner eigenen Identiät suchen lässt. Erst als er selbst nach Paris kommt, findet er Frieden mit Charlotte und mit sich selbst.

Hört sich gut an, diese Beschreibung, dachte ich. Dazu ein wirklich sehr gelungenes Coverfoto, bei dem sofort Schwarz-Weiß-Filme vor dem inneren Auge aufflimmern - ich hatte mich wirklich auf dieses Buch gefreut.

Leider war ich nach dem Lesen dann sehr enttäuscht. Was hier als poetische Sprache geschildert wurde, ging für mich an dieser Bezeichnung ziemlich weit vorbei. Ja, es war ein stilles Buch, das eigentlich von einem breiten Strom ruhiger, weichgeschliffener Worte getragen werden sollte. Nur genau an diesen Worten hakt es: es wird ständig "gefühlt", "empfunden" - nur leider nicht durch Worte vermittelt. Denn ein "ich fühlte dies und jenes" vermag mir den tatsächlichen Eindruck nicht zu vermitteln, sondern ist in meinen Augen ein sprachliches Manko. Für mich muss es dem Autor gelingen, mir dieses Fühlen zu vermitteln, ohne die Regieanweisung gleich mitzuliefern.

Nein, leider kein Buch, das ich weiterempfehlen würde.

Andrei Makine

Andrei Makine wurde 1957 in Sibirien geboren und studierte Philologie in Twer und Moskau. Seit 1987 lebt er in Frankreich, wo er bisher vier Romane veröffentlichte, die alle auf Parkbänken oder in seinem winzigen Zimmer entstanden.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.01.1999 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing