Peter Märthesheimer - Ich bin die Andere

Originaltitel: Ich bin die Andere
Roman. Europa Verlag 2000
239 Seiten, ISBN: 3404155750

Jeden Sonntag abend zieht Carlotta ein nuttiges rotes Kleid an, geht in die Hotelhalle eines großen Hotels, und sucht sich einen Mann aus, mit dem sie in sein Zimmer geht.

Das wäre ihre Freundin, erzählt Caroline Winter ihrem Vater, den sie jeden Sonntag abend, kurz vorm Wunschkonzert, anruft.

Robert hat beruflich in Frankfurt zu tun, ist zufällig in dem Hotel abgestiegen, das Carlotta für ihre Ausflüge bevorzugt - und er darf diesmal das Vergnügen ihrer Gunst genießen. Es befremdet ihn allerdings, dass sie sein Geld zwar annimmt, dann aber liegen lässt - genauso wie ihr rotes Kleid, die Dessous und die Pumps - als sie beinahe fluchtartig sein Zimmer verlässt.

Sein Geschäftstermin am nächsten Morgen bringt ihn unverhofft - zu der Frau, die er am Abend zuvor noch im Arm gehalten hatte. Ohne mit der Wimper zu zucken behandelt sie ihn, als würde er ihr das erste Mal begegnen, lässt auch, als er sie abends zum Essen einlädt, mit keiner Miene erkennen, was in der Nacht zuvor vorgefallen war. Seine Begierde steigt ins Unermässliche, und als er sie, ihres Einverständnisses gewiss, in eine Wäschekammer zerrt, flieht sie schreiend.

Ein Vorfall, an den sie sich wie es scheint nicht mehr erinnern kann. Warum er den Abend denn unbedingt mit einem geschäftlichen Telefonat hätte beenden müssen? Das hätte sie sehr gekränkt....

Robert verfällt dieser geheimnisvollen Frau immer mehr, die ihm mal als die Unschuld vom Land, dann als Vamp gegenübertritt; doch er verzweifelt beinahe an ihrem Geheimnis....

Die Inhaltsangabe zu diesem Roman ist leider spannender als das Buch selbst. Die Geschichte hat zwar ihren ganz eigenen Reiz - die Nonne und die Hure in einer Person, die von der Existenz der jeweils anderen keine Ahnung zu haben scheinen, ein inzestuöses Familiengehemins, sonderbare Gestalten, die ihm alle etwas über die Frau seiner Träume mitteilen wollen; die Anlage für eine gute Geschichte ist da, und Peter Märthesheimer kann auch erzählen.

Aber das Konstrukt, das er aufgebaut hat, trägt nicht über den gesamten Roman, die Perspektivenwechsel fangen irgendwann an, zu nerven, und die Variationen des Themas "meine Linke weiß nicht, was meine Rechte gerade getan hat" unterscheiden sich nicht genug, um nicht rasch beliebig zu werden.

Das Ende des Romans, die Hochzeit, gerät allerdings nochmal zum furiosen Finale - mehr sei nicht verraten.

Peter Märthesheimer

Peter Märthesheimer, Diplomsoziologe, Dramaturg beim WDR und bei der Bavaria, ua von "Smog", "Das Millionenspiel", "Berlin Alexanderplatz". Professor an der Filmakademie Baden-Wprttemberg. Er schrieb zahlreiche Drehbücher, darunter für Rainer Werner Fassbinder und für Tom Toelles, ua "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Er wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis, dem Prix Futura und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. "Ich bin die Andere" ist sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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