Alistair MacLeod - Land der Bäume

Originaltitel: No Great Mischief
Roman. S. Fischer Verlag 2003
285 Seiten, ISBN: 359615507X

Diesen Weg hat Alexander MacDonald schon häufiger zurückgelegt – in die Stadt, in ein heruntergekommenes Mietshaus, um seinen Bruder zu besuchen, der sich immer wieder dahin zurückzieht. Calum, einst der Anführer des Clans, war nun Alkoholiker, seit er aus dem Gefängnis entlassen war; und bei diesen Besuchen erinnern sie sich gegenseitig an die gemeinsame Vergangenheit.

„Weißt du noch“ heißt es dann, und sie erzählen sich davon, wie ihre Eltern starben; sie hatten damals als Leuchtturmwärter auf der Insel im Hafen gearbeitet und waren im Winter über das dick gefrorene Eis aufs Festland gegangen, die ganze Familie. Aber nur die Eltern und eines der Kinder wollten am selben Abend wieder zurück – und wurden nie wieder gesehen. Das Eis, sonst überall fest, hatte an einer Stelle nicht gehalten.

So kam es, dass die beiden Jüngsten, Alexander und seine Zwillingsschwester bei den Großeltern aufwuchsen, während die älteren Brüder die alte Familienfarm wieder in Gang setzten und danach im Bergbau eine gefragte Erschließerkolonne begründeten.

In dem Sommer, als Alexander seinen Abschluss macht und die Familie mit ihm feiert, kommt einer seiner Cousins, der noch dazu seinen Namen trägt, bei dieser Bergbaukolonne um, und er springt für eine Weile für ihn ein – lernt die harte Arbeit unter Tag kennen, die Konkurrenz mit den Frankokanadiern, und wird Zeuge des Vorfalls, der das Leben seines Bruders für immer verändern sollte...

Nachdem ich MacLeods Erzählungen gelesen hatte (Die Insel) war ich mehr als nur neugierig auf seinen Roman; aber obwohl ich normalerweise die lange Form vorziehe, steht es für mich außer Frage, dass dieser Autor ein großartiger Erzähler, aber nicht unbedingt ein Romancier ist.

Schon alleine diese ewigen „Weißt du noch“-Fragen, die die Rückblicke fast immer einleiten, wirken in den meisten Fällen sehr konstruiert. Aber richtig schlimm wurde es für mich dann, wenn die magischen Verbindungen des Familienclans ins Spiel kommen (was sie ziemlich oft tun); die MacDonalds erkennen sich auch dann, wenn sie sich noch nie zuvor gesehen haben, und das nicht nur ein, zwei Generationen weit zurück, sondern auch, wenn ein Sprößling der Familie nach Schottland reist, in die Gegend, aus der die Familie einst ausgewandert war, genügt ein Blick und sie werden als „Familie“ erkannt.

Während der Autor in seinen Erzählungen durchaus in der Lage ist, einen Spannungsbogen aufzubauen, gelingt ihm das im Roman in meinen Augen nicht besonders gut. Die Geschichte mäandert (oder dümpelt?) an vielen Stellen vor sich hin, leidet unter so manchem „Weißt du noch“ – das können dann auch die gelungenen, lebendigen Teile für mich nicht mehr retten.

Den Lobeshymnen, die dieses Buch bei Erscheinen geerntet hat, kann ich mich nicht anschließen. Aber auf MacLeod als Erzähler bin ich auf jeden Fall aufmerksam geworden!

Alistair MacLeod

Alistair MacLeod wurde 1936 in North Battleford, Saskatchewan (Kanada) geboren und wuchs inmitten einer großen Familie auf Cape Breton auf. Im Sommer schreibt er in einer Hütte am St-Lawrence-Strom, im Winter ist er Professor für Englische Literatur in Windsor, Ontario. Seine Kurzgeschichtensammlungen sind legendär. „Land der Bäume“ wurde mit dem kanadischen Trillium Award ausgezeichnet und mit dem International IMPAC Dublin Literary Award 2001.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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