David R. MacDonald - Die Straße nach Cape Breton

Originaltitel: Cape Breton Road
Roman. S. Fischer Verlag 2002
352 Seiten, ISBN: 3100153294

Auch wenn Innis in seinen hellsichtigeren Momenten durchaus klar war, dass er für seine Situation durchaus selbst verantwortlich war, dass sein häufiges Autoknacken in Kombination mit dem kanadischen Pass seine Ausweisung aus den USA bewirkt hatte - abgefunden hatte er sich mit der Situation noch lange nicht.

Was hatte ein junger Mann wie er hier auf dieser weltabgeschiedenen Halbinsel in Kanada schon verloren? Hier gab es keine anderen jungen Leute, keine Jobs, keine Zerstreuung - schon gar nicht für jemanden ohne Auto, und sein Onkel Starr, der ihn nicht ganz freiwillig bei sich aufgenommen hatte, hat keine Ambitionen, ihm seinen Wagen zu leihen - oder ihn gar in der Gegend herumzufahren.

Wenn erst Innis Pflanzen im Herbst Früchte trügen, dann würde er sich in den Süden aufmachen, würde ein neues Leben anfangen - sofern er es wirklich schaffte, seine Cannabis-Samen, die an warme Gefilde gewöhnt waren, in diesem kaum unterbrochenen Winter zum Wachsen zu bringen.

In das fragile Gleichgewicht des Männerhaushalts kommt eine Frau; die neue Freundin des Onkels zieht bei ihnen ein. Und so sehr sie sich alle an der deutlichen Verbesserung des Speisezettels freuen, die Rivalität zwischen den beiden Männern wächst spürbar. Auch wenn der Jüngere kaum eine Chance für sich sieht, merkt er doch, dass die schöne Claire nicht gewillt ist, sich vereinnahmen zu lassen ...

Wenn es für einen Roman ausreichen würde, ein paar eindrucksvolle Stimmungsbilder aneinander zu reihen, ohne den Anspruch zu erheben, diese Bilder durch einen Spannungsbogen miteinander zu verbinden, dann... ja, dann wäre "Die Straße nach Cape Breton" wirklich ein sehr überzeugendes Buch.

Der Autor versteht es wunderbar, die Stille und Abgeschiedenheit in dieser unwirtlichen Landschaft zu beschreiben, die Schönheit all dessen einzufangen. Die Liebe zum Land fühlt man hier auf jeder Seite; und wenn man Innis dann mit den Nachbarn reden hört, ihre Einflussnahme auf sein Leben sieht, merkt, wie sein Körper sich langsam vom schlaksigen Städterjungen zum muskulösen Mann entwickelt, dann hegt man die Hoffnung, einen Entwicklungsroman vor sich zu haben, der irgendwohin führt.

Aber weder diese Richtung wird eingeschlagen, noch der andere, ungesetzliche Weg, konsequent weiter verfolgt. Eine Abbildung der Ambivalenzen des Lebens, sicher - aber bei einem Buch wünsche ich mir doch, am Ende nicht noch ratloser dazustehen als zu Beginn.

Ich kann weder wirklich zu- noch abraten bei diesem Buch; potentielle Leser sollten vielleicht ihren Anspruch an ein Buch prüfen, bevor sie sich zum Kauf entschließen. Für Sprachverliebte, die Stil über Inhalt stellen, bietet dieses Buch viele ansprechende Stellen, wer aber Wert auf eine gut erzählte Geschichte legt, könnte enttäuscht sein.

David R. MacDonald

David R. MacDonald wurde 1940 auf Cape Breton an der kanadischen Atlantikküste geboren. 1969 erhielt er ein Literaturstipendium an der Stanford Universtiy, wo er seit 1977 lehrt. Für seine Erzählsammlung *Eystone* wurde er mit mehreren literarischen Preisen ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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