Amin Maalouf - Die Häfen der Levante

Originaltitel: Les èchelles du Levant
Roman. Suhrkamp Verlag 1996
254 Seiten, ISBN: 3518395068

So außergewöhnlich und unwahrscheinlich wie die Begegnung der beiden Männer in einer kleinen Straße in Paris ist auch die Geschichte, die der Ältere dem Jüngeren dann erzählt, während er darauf wartet, dass endlich der 20 Juli kommt - aber das ist schon zu weit vorgegriffen.

Ossyan Ketabdars Großmutter war die Tochter des türkischen Monarchen, der gestürzt wurde; dennoch wäre sie, eine junge Frau so hoher Herkunft, nie mit einem gewöhnlichen, auch noch älteren Arzt verheiratet worden - wäre sie nicht angesichts des Schocks, ihren Vater tot finden zu müssen, verrückt geworden. Dass aus dieser Verbindung dann ein Wohn resultierte war ein Skandal; das Haus der Familie wurde gemieden, Freunde fand Ossyans Vater nur unter seinen Hauslehrern. Besonders mit einem davon, dem Armenier Nubar, entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die auch durch die ersten Übergriffe der Türken auf die Armenier übersteht.

Gemeinsam ziehen sie weg aus der Stadt, nach Beirut, wo sie auf mehr Offenheit und Toleranz hoffen - und Ossyans Vater Nuburs Tochter heiratet. Drei Kinder entspringen dieser Verbindung; vor allem nach dem Tod seiner Frau setzt Ossyans Vater alle Hoffnungen auf den ältestesn Sohn. Er soll, wie seine Familie vor ihm, zum Rebellen werden, zu einem Anführer; dabei geht sein eigener Wunsch dahin, sowenig wie möglich aufzufallen.

Mit viel Überredungskunst gelingt es Ossyan, ein Medizinstudium in Frankreich durchzusetzen - dochl ange war ihm das unbeschwerte Studentenleben nicht vergönnt, da nun die Deutschen Paris besetzen. Es ist mehr oder weniger Zufall, dass Ossyan dann bei der Restistance landet; und hier lernt er dann auch die Frau kennen, bei der ihm sofort klar ist: die oder keine. Clara heißt sie, ist Jüdin und hat ihre gesamte Famlie in den Konzentrationslagern verloren.

Als Ossyan nach dem Krieg in den Libanon zurückkehrt, eilt sein Ruf als Held der Resistance ihm voraus. Was für eine Wohltat für den Vater, der in der Zwischenzeit unter dem schlechten Ruf zu leiden hatte, den der jüngere Bruder über die Familie gebracht hatte.

Und dann taucht auch noch Clara eines Tages in Beirut auf; alles deutet auf ein Happy End hin, wenn ein muslimisch-christlicher Fürstensohn sich mit einer Jüdin verheiraten und mit ihr zwischen Beirut und Haifa pendeln kann. Doch das Schicksal hatte anderes mit ihnen vor, und nicht nur die politischen Verwicklungen jener Zeit waren verantwortlich dafür, dass das Paar so rasch schon wieder getrennt wurde…

Es ist eine gänzlich unprätentiöse Geschichte, die hier erzählt wird - trotz des ungewöhnlichen Lebenslaufs bleibt es ein ganz selbstverständliches Auf und Ab ohne die großen dramatischen inneren Entwicklungen die man angesichts der Zeitgeschichte automatisch voraussetzt.

Maalouf hat es mir teilweise schwer gemacht bei diesem Roman - nicht etwa, weil er anstrengend oder langweilig zu lesen gewesen wäre, im Gegenteil, ich habe stets mit Spannung und Freude weitergelesen. Aber bei all der interessanten Geschichte die erzählt wird, blieb mir dann doch die menschliche Nähe fern; es blieb bei der Beobachtung von außen, in die Köpfe der Protagonisten wurde ich nicht reingelassen.

Was ich also erst als Manko des Buches empfand, hat sich nach einigem Nachdenken für mich als gewolltes Stilmittel entpuppt; arabische Zurückhaltung gepaart mit dem Zutrauen des Autors, der Leser vermöge auch zwischen den Zeilen zu lesen.

Nur die 20 Jahre, die Ossyan dann in der Nervenheilanstalt verbingt, hätten meines Erachtens deutlich umgeschrieben oder aber abgekürzt werden sollen.

Eine Empfehlung!

Amin Maalouf

Amin Maalouf, 1949 im Libanon geboren, lebt seit 1976 in Frankreich, wo er als Journalist und Schriftsteller arbeitet. ER ist anerkannter Spezialist für Fragen der arabischen Welt und der Beziehungen zwischen Okzident und dem Nahen Osten. Sein erstes Buch "Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber" ist ein Standardwerk geworden. Für "Der Felsen von Tanios" erhielt er 1993 den Prix Goncourt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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