Alison Lurie - Affären

Originaltitel: Foreign Affairs
Roman. Diogenes 1986
443 Seiten, ISBN: 3257216009

Ein halbes Jahr in London! Wie sehr Vinnie Miner sich darauf gefreut hat, ist vielleicht für Außenstehende nicht so leicht nachzuvollziehen; aber obwohl sie immer nur wenige Wochen am Stück in England verbringen konnte, betrachtet sie sich doch, dem Herzen nach, als Engländerin. Und speziell London ist die Stadt, die es ihr angetan hat, so abweisend sie auch auf den ersten Blick erscheinen mag.

Nicht nur sie hat ein Stipendium für ein halbes Jahr erhalten; auch Fred Turner, ebenfalls Dozent an Vinnies Universität, darf hier für sein Buch forschen. Aber im Gegensatz zu ihr fühlt er sich nicht angenommen von dieser Stadt, ganz im Gegenteil: alles ist teuer, die Menschen schwer zugänglich, und ohnehin hatte er sich alles ganz anders vorgestellt.

Zum Beispiel, dass er hier nicht alleine sein würde, sondern dass auch seine Frau mit ihm die Stadt entdecken würde; aber kurz vor der Abreise hatten sie sich getrennt, und nun stand er da, mit der viel zu großen Wohnung und den Kosten, die er eigentlich gar nicht begleichen konnte. Dass er der (ohnehin nur aus Mitleid mit seiner hungrigen Erscheinung) ausgesprochenen Einladung der ältlichen Vinnie Miner gefolgt war, lag nur an der Gelegenheit, sich endlich wieder kostenlos satt essen zu können. Aber dann - trifft er ausgerechnet auf dieser Party eine Schauspielerin, in die er sich sofort Hals über Kopf verliebt. Und obwohl er es sich überhaupt nicht leisten kann, umgarnt er die einige Jahre ältere Rosemary, bis er endlich zum allgemein tolerierten Mann an ihrer Seite wird.

Vinnie im Gegenzug hatte gehofft, bei diesem langen Aufenthalt in London endlich auch eine Affäre mit einem Engländer zu haben. Eine Affäre - mehr erwartete sie ja gar nicht vom Leben. Von Liebesschwüren, Blumen und Romantik hatte sie sich schon lange verabschiedet, das waren die Dinge, die immer nur die anderen bekamen, die Schönen, die Auffälligen. Aber dass alles, was ihr hier an männlicher Aufmerksamkeit zuteil werden sollte, ausgerechnet von einem Amerikaner, und dann auch noch von einem so ungehobelten wie Chuck, stammen sollte, empfand sie einfach nur als ungerecht...

Alison Lurie wurde für diesen Roman 1985 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet; warum, kann man nach der Lektüre gut nachempfinden. Es passiert nicht viel; es gibt die üblichen Techtelmechtel, die üblichen dazugehörigen Verwirrungen, und eigentlich ist alles ziemlich unaufgeregt.

Aber was den wirklich großen Reiz dieses Buches ausmacht, sind die Details. Wenn Vinnie Miner ihr Selbstmitleid als winselnden Hund Fido personifiziert, dann hat man das Bild so leibhaftig vor Augen, dass man sofort gewillt ist, es in die eigene Vorstellungswelt zu integrieren. Es ist ein Buch, das mit den Erwartungshaltungen spielt, und das immer mit diesem gewissen Augenzwinkern aufwarten kann; kein atemberaubender Roman, aber einer, den man mit großem Vergnügen lesen kann und auch noch etwas zum Nachdenken mitbekommt.

Alison Lurie

Alison Lurie, geboren 3.9.1926 in Chicago (Illinois), lebt in New York, Florida und London. Für "Affären" erhielt sie 1985 den Pulitzer Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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