Carlo Lucarelli - Die schwarze Insel

Originaltitel: L´isola dell´angelo caduto
Roman. Piper Verlag 2003
268 Seiten, ISBN: 3492243037

Erst hatten nur die Verbannten hier gehaust, mit ihnen das Wachpersonal; im Laufe der Zeit waren noch deren Familien und ein paar Fischer hinzugekommen, die auf dieser unwirtlichen Insel irgendwo im Süden Italiens ihr Auskommen fristeten.

1925 sind die Verbannten, denen nicht einmal das Lesen der Zeitungen erlaubt ist, überwiegend die Gegner Mussolinis; Schwarzhemden führen abends freiwillige Patrouillen durch, die wenigen Bewohner wollen hauptsächlich in Ruhe gelassen werden.

Einen gibt es, der in diesem Niemandsland für Ordnung sorgen soll - der junge und unerfahrene Kommissar, der mit seiner zerbrechlichen Frau hierher strafversetzt wurde. Hana erträgt die Insel nicht; die Sonne verbrennt ihre durchsichtige Haut, die Eintönigkeit zehrt an ihren Nerven, sie zieht sich in ihren Kokon zurück und hört ununterbrochen das eine Lied, das der Kommissar überall auf der Insel zu hören glaubt.

Plötzlich gibt es einen Toten auf der Insel - aber keinen der Verbannten, nein, ausgerechnet einer der Schwarzhemden wird zerschmettert in einer Schlucht aufgefunden. Ein Unfall? Nein - daran glaubt vor allem Valenza nicht, der vor seiner Verbannung als Pathologe gearbeitet hatte. Er flüstert dem Kommissar die Fragen ein, die dieser stellen soll ... doch es bleibt nicht bei dem einen Toten...

Ein Krimi, der das Vorkriegsitalien als Hintergrund hat, dessen politische Wirren eine entscheidende Rolle für die Auflösung haben - das klang für mich sehr verlockend, entsprechend hatte ich mich auch auf das Buch gefreut.

Interessant bleibt gerade dieser Aspekt auch bis zum Ende; doch insgesamt konnte ich leider mit Lucarellis Erzählstil nicht warm werden. Die Distanz, die er zu seinen Figuren hält, hat es mir sehr schwer gemacht, die Protagonisten überhaupt erst auseinander halten zu können; der Text selbst läuft wie ein stetiges Geraune, mal lauter, dann aus der Ferne, mal mit überlagernden Stimmen im konstanten Fluss. Ein klassischer Spannungsbogen war für mich nicht vorhanden; und trotz einiger auch sprachlich faszinierender Stellen blieb mein Gesamturteil ziemlich verhalten.

Carlo Lucarelli

Carlo Lucraelli, geboren 1960 in Parma, gilt als einer der einflussreichsten Krimiautoren seines Landes. Seine in mehrere Sprachen übersetzten Romane und Erzählungen sind vielfach preisgekrönt und für das italienische Fernsehen verfilmt worden.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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