Erri de Luca - Das Meer der Erinnerung

Originaltitel: Tu, mio
Roman. Rowohlt Verlag 1999
128 Seiten, ISBN: 3499227436

Der Ich-Erzähler dieser Geschichte ist in diesem Sommer, Mitte der fünfziger Jahre, 16 Jahre alt. Die Familie verbringt die Ferien wie gewohnt auf Ibiza.

Er verwildert immer in diesen Ferien, trägt keine Schuhe, wäscht sich nur mit Meerwasser, und fährt beinahe täglich mit seinem Onkel aufs Meer raus, fischen.

Er hat viele Fragen an seine Familie, die die jüngste Vergangenheit betreffen, doch keiner mag mehr darüber reden. Nur Niklas der Fischer erzählt hin und wieder wie es war damals, als er als Feind in Jugoslawien stationiert war. Niklas verspürt zwar keinen Haß auf die Deutschen, doch sie nun hier auf der Insel zu sehen, ihre Sprache wieder hören zu müssen, die er nur im Befehlston kennt, irritiert ihn.

In diesem Sommer ist auch Caia auf der Insel. Schon beim ersten Anblick verliebt er sich hoffnungslos in sie, hat das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Er spürt, das sie ein Geheimnis mit sich herumträgt, das er ergründen will.

So erbost Caia auch erst ist, als er sie mit ihrem jüdischen Kosenamen anspricht, der ihm unbeabsichtigt entschlüpft - sie sieht immer mehr Gesten und Züge ihres Vaters in dem Jüngeren.

Eines Abends kommt es zu einer heftigen Szene - die deutschen Gäste am Nebentisch in der Trattoria singen SS-Lieder. Bis Caya aufsteht und zu schreien beginnt…

Ein unglaublich bewegendes und wichtiges Buch. Jedem, der vielleicht "Der Vorleser" von Bernhard Schlink kennt, möchte ich es nur ans Herz legen.

Es erzählt die Geschichte einer Generation, die den Krieg nur als Kind erlebt hat - und nun mit den Fragen des Warum nicht klar kommt, keine Antworten erhält.

Die unbequemen Fragen werden den Erwachsenen bald lästig, sie verweisen den Sohn auf Bücher.

Und dann Caya - die Jüdin, die über ihre Vergangenheit nicht einmal reden kann. Als es eines Morgens darum geht, das der Erzähler nicht mit aufs Meer fahren soll, weil sein Cousin den Platz beansprucht, meint sie nur "Er kommt mit". Später erfährt man dann, das sie schon einmal jemanden zurücklassen mußte.

Einziger Wermutstropfen für mich: das gegen Ende der Geschichte der Ich-Erzähler mehr und mehr die Seele von Caias Vater darstellt, das Ganze in eine unwirkliche Ebene abgleitet.

Die Sprache ist wunderschön - ein wirklich schönes, trauriges, wichtiges - und sehr sehr nachdenklich stimmendes Buch.

Erri de Luca

Erri De Luca, geboren 1950 in Neapel, begann erst mit vierzig zu schreiben; heute ist er einer der meistgelesenen Schriftsteller Italiens. Zu seinen schönsten Büchern gehören die, in deren Mittelpunkt seine Heimatstadt Neapel steht. Seine Romane sind Bestseller in Italien, Frankreich und Israel und in zahlreichen weiteren Ländern erschienen. Erri De Luca wurde mit dem Petrarca-Preis 2010 ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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