Karel Glastra van Loon - Lisas Atem

Originaltitel: Lisa´s adem
Roman. Gustav Kiepenheuer Verlag 2001
234 Seiten, ISBN: 3378006390

Lisa war ein Betriebsunfall. Und so sehr ihre Mutter Sophie sie auch schon vor ihrer Geburt geliebt hat - dieses ursprüngliche nicht-erwünschtsein empfindet sie als Stigma, das sie an ihrer Tochter nicht wieder gutmachen kann.

Viel zu jung war sie außerdem für ein Kind - und den Vater zu verlassen hatte sie auch erst Jahre später geschafft. Leicht war es nicht, ein Kind alleine großzuziehen, auch finanziell nicht. Die paar Beziehungen dazwischen verliefen immer wieder im Sand, denn im Grunde entpuppte sich jeder Mann nach einer gewissen Zeit als Enttäuschung. Bis dann Sebastiaan kam - der Mann, der nicht nur sie liebte, sondern auch mit Lisa wunderbar zurechtkam. Er war ihr kein Stiefvater - er war ihr Vater, und so betrachtete er sich auch selbst.

Eine heile Welt also, ein glückliches Familienleben, das Lisa bis zu ihrem abrupten Verschwinden während des Familienurlaubs erlebt? Oberflächlich ja. Doch da gibt es auch noch etwas, ein Gehemnis, in das die Mutter nicht eingeweiht ist - etwas, was begann, als sie für so lange Zeit im Krankenhaus war.

Talm hatte sie es allerdings verraten, kurz bevor sie verschwunden war. Talm, der sich so sehr in dieses Mädchen verliebt hatte, das plötzlich alle Schotten dicht machen konnte, das in sich selbst verschwinden konnte - und ebenso unvermutet wieder zurückkam, mit einem Lächeln, das wie das Öffnen einer Türe wirkte.

Es wurde nie geklärt, was nun wirklich passiert war an jenem Nachmittag in Frankreich, als sie das letzte Mal gesehen wurde. War sie ausgerissen? War ihr etwas passiert? Ertrunken im Meer? Selbstmord? Ein Verbrechen?

Auch 7 Jahre später lässt Talm diese Frage nicht los. Und diesmal will er sie endgültig klären...

Der niederländische Autor hat schon mit "Passionsfrucht" bewiesen, dass er auf sehr subtile Weise zu erzählen vermag, dass e es versteht, Stimmungen, Emotionen empfindsam wie ein Seismograph aufzuzeichnen.

Eine stringent erzählte Geschichte sollte man besser nicht erwarten, wenn man dieses Buch liest; es sind Erinnerungsstücke, Vergangenheit, Gegenwart vermischt, und nicht immer ist sofort zu erkennen, von wem und zu welcher Zeit gerade die Rede ist. Aber gerade das macht auch den Reiz des Buches aus; und als Talm nach sieben Jahren Sebastiaan zur Rede stellt, an dem Ort, an dem ihm damals Lisa alles erzählt hatte, da stellt er die Erzählungen der beiden nebeneinander und überlässt den Leser den widersprüchlichen Empfindungen.

Ich war zwar vom ersten Roman dieses Autors noch stärker beeindruckt als von "Lisas Atem" - aber Karel G. Van Loon ist auf alle Fälle ein Name, den man sich merken sollte!

Karel Glastra van Loon

Karel G. van Loon, geb. 1962 in Amsterdam, arbeitete als freier Journalist für Zeitungen und das Fernsehen. Für sein 1997 erschienenes literarisches Debüt, den Erzählband "Vannacht is de wereld gek geworden" erhielt er den Rabobank Lenteprijs voor Literatuur. "Passionsfrucht" ist sein erster Roman, für den er 1999 mit dem Generale Bank Prijs ausgezeichnet wurde. Das Buch war monatelang auf der niederländischen Bestsellerliste auf vordersten Plätzen vertreten und wurde mittlerweile auch verfilmt. 2004 wurde bei van Loon ein Tumor im Hirn diagnostiziert, an dessen Folgen er am 1. Juli 2005 im Alter von 42 Jahren verstarb.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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