David Lodge - Denkt

Originaltitel: Thinks
Roman. Diana Verlag 2002
439 Seiten, ISBN: 3453863747

Ob das Jahr als Gastdozentin an der Universität von Gloucester tatsächlich eine so gute Idee war, bezweifelte Helen schon ziemlich bald. Ein ungemütliches Häuschen als Rückzucksstätte, und kaum die Möglichkeit, mit netten Menschen in Kontakt zu kommen. Aber welche Wahl war ihr nach dem Tod ihres Mannes schon geblieben, noch dazu, wo sie mit ihrem Roman einfach nicht mehr vorankam?

Dass das alte Gerücht, die Dozenten würden es mit der ehelichen Treue nicht ganz so genau nehmen, wohl auch hier zutraf, konnte sie schon beim ersten Abendessen mit ein paar Leuten vom College beobachten; Ralph, der mit seiner Ehefrau gekommen war, küsste ganz leidenschaftlich und sichtlich nicht zum ersten Mal die Gastgeberin in der Küche.

Dass nicht sehr viel später sie diese Stelle einnehmen würde, hätte sie sich auch nicht träumen lassen. Erst waren die Begegnungen mit dem Geisteswissenschafter noch zufällig, doch immer öfter ertappte sie sich dabei, wie sie seine Gesellschaft genoss. Zudem inspirierten die Gespräche mit ihm sie auch dazu, Aufgaben für ihre Studenten zu finden.

Und vor allem hatte er sie auch in seine Familie mit aufgenommen. Während sie zuvor kaum wusste, wie sie die furchtbaren freien Tage bewältigen konnte, war sie nun ein von der ganzen Familie gern gesehener Gast.

Aber die Idylle konnte nicht Bestand haben. Die Lektüre der Arbeiten ihrer Studenten bringt eine schockierende Neuigkeit über ihre Ehe ans Tageslicht - und Ralph ist da, um sie zu trösten....

Wie immer hat natürlich auch dieser Roman von David Lodge einige sehr witzige Elemente. Besonders gut gefallen haben mir die Arbeiten, die Helen von ihren Studenten verlangt hatte - und die jeweils im Stil eines bekannten Autors verfasst waren. Eine nette Einlage.

Auch sonst bleibt alles wie gehabt - Lodge spielt mit verschiedenen Stilelementen, diesmal haben es ihm vor allem der Bewusstseinsstrom und das Tagebuch angetan, die Handlung ist an einer Universität angesiedelt, es gibt Ehepaare und keiner ist treu ... aber da ich das alles bereits in einigen anderen Lodge-Romanen ziemlich ähnlich aufbereitet gelesen habe, konnte ich mich diesmal einfach nicht mehr dafür begeistern.

Wenn es der erste Lodge ist - dann wird der Leser sicher seine Freude daran habe, sofern er sich über akademisches Geplänkel amüsieren kann. Aber eigentlich würde ich in diesem Fall "Ortswechsel" empfehlen. Von "Denkt" war ich enttäuscht...

David Lodge

David Lodge, geboren 1935 in London, war 27 Jahre als Professor für Moderne Englische Literatur an der Universität Birmingham und ein Jahr als Gastprofessor an der University of California in Berkeley tätig. Er lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Birmingham.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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