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30.06.01

      Frank Littek - Botin der Götter   **
Rezension von Gunnar

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Roman.
Ullstein TB

624 Seiten

ISBN:
3548250130

Ersch. 1999

 
Im Jahre 772 steht das fränkische Heer an den Grenzen des Sachsenlandes. Karl, König der Franken, will seine Nachbarn ein für alle Mal unterwerfen, was nicht nur das Ende des freien Bauerntums bedeuten würde, sondern auch den Untergang des germanischen Götterglaubens zugunsten des Christentums. Böer, ein junger sächsischer Bauernsohn, stellt sich mit vielen anderen seines Volkes den Franken entgegen. Nachdem die Irminsul, das Heiligtum der Sachsen, von den Franken zerstört worden ist und sämtliche Goden (Priester) getötet worden sind, nimmt Lif, eine Schülerin der Goden, die das Massaker überlebt hat, die Geschicke ihres Volkes in die Hand. Dabei lernen sie und Böer sich lieben und heiraten. Unter Führung des Sachsen Widukind kommt es schließlich zur entscheidenden Schlacht...


  Die Autorin:
Frank Littek ist ausgebildeter Wirtschafts- wissenschaftler und arbeitete in Hamburg als Redakteur, bevor er sich als freier Journalist und Autor mehrerer Sachbücher selbständig machte. Botin der Götter ist sein erster Roman.



    Meine Meinung:

  Um es gleich vorweg zu sagen: Der Roman ist ziemlich enttäuschend. Vor allem anderen liegt das an der ausgesprochenen Langatmigkeit des Erzählens; einschneidende Kürzungen und eine Straffung der Handlung hätten dem Buch gut getan (z.B. bei den ca. 20 stereotypen Seiten, in denen Lif von einer Götterhalle in die nächste gelangt und dabei jeweils einem der germanischen Götter begegnet). Dabei ist der Stoff für ein klassisches Epos wie geschaffen und durchaus dazu angetan, großes Gefühlsdrama zu erzeugen. Das gelingt Frank Littek aber nur sehr selten, wenn es auch zugegebenermaßen im letzten
Drittel des Romans spannender zugeht als zu Beginn.

Unübersehbar sind die dramaturgischen Schwächen. Beispielsweise muß Lif auf Seite 245 vermuten, daß Böer, nachdem die beiden sich gerade ihre Liebe gestanden hatten, von den Franken getötet worden ist, während sie selbst in Gefangenschaft gerät. Vom nächsten Tag an bis zu dem Augenblick, da Böer sie wieder befreit (mehrere Monate und 50 Seiten später), scheint sie keinen Gedanken mehr an ihn zu verschwenden, wir erfahren jedenfalls nichts davon, hingegen werden wir Zeuge, wie sie schon nach wenigen Tagen wieder lachen (S. 264), amüsiert sein (S. 265) und schmunzeln (S. 266) kann. Oder: Auf Seite 422 bekommen Lif und Böer eine Tochter, Punkt. Von gelegentlich einem Satz hier oder zwei Sätzen dort abgesehen, scheint sie den Rest des Romans, während ringsherum das Land gebrandschatzt wird und man doch annehmen dürfte, daß Lif und Böer sich um ihr Kind sorgen, keine Rolle mehr zu spielen, geschweige denn das Leben ihrer Eltern zu bestimmen. Gefühle werden eben in erster Linie behauptet, aber nicht nachvollziehbar und erlebbar gemacht.

Weiterhin wird der Lesegenuß dadurch getrübt, daß der Autor bisweilen ein Faible für kitschige, überzeichnete oder schlicht unsinnige Metaphern an den Tag legt: „Schon bald schmiegten sie sich aneinander, und der Mond verhielt lächelnd in seinem Lauf“ (S. 364), „...hölzernen Mordwespen (= Pfeile), die auf die Holzpalisade wie ein Hagelschauer prasselten“ (S. 109), „Närrisch lugten verwinkelte Wurzeln und Äste über den Pfad“ (S. 370). Auch die Absatzgestaltung stiftet mitunter mehr Verwirrung, als daß sie eine Strukturierung erkennen läßt: Einerseits wird das Einschlafen am Abend und das Aufwachen am nächsten Morgen oft in einem Absatz zusammengefaßt, andererseits reißt der Autor enervierend häufig die Rede einer Person auseinander und teilt sie auf mehrere Absätze auf, so daß man im ersten Moment nicht weiß, wer da eigentlich spricht.

Ärgerlich ist es, wenn Bedeutung suggeriert wird, wo keine vorhanden ist. Die Runennamen als Kapitelüberschriften sind vollkommen willkürlich gewählt (und werden demzufolge bis auf wenige Ausnahmen auch nicht erklärt), da der Roman 17 Kapitel hat, das alte Runenfuthark („Runenalphabet“), auf das der Autor sich offenkundig bezieht, jedoch 24 Zeichen, fehlen einige Runen, und auch in der Reihenfolge läßt sich keinerlei System erkennen. Runennamen und ihre Definition sind Streitfälle unter den Gelehrten, aber es gibt einige Runen, deren Bedeutung relativ gesichert ist, so z.B. die Verbindung der B-Rune zur Fruchtbarkeit. Da hätte es Sinn gemacht, das 12. Kapitel, in welchem Lif ein Kind bekommt, mit dieser Rune zu bezeichnen, und nicht das 7.

Schließlich sollte noch auf ein paar Fehler hingewiesen werden:
- Abgesehen davon, daß der Albe auf den Seiten 220-222 in äußerst albernen Reimen spricht, war damals noch immer der Stabreim üblich; erst im 9. Jahrhundert wurde dieser durch den Endreim allmählich abgelöst.

- Man sagt das Thing, nicht der Thing (S. 60).

- Saxnot war kein Gode (S. 156), sondern ein Gott, der Stammesgott der Sachsen (vermutlich mit Ziu identisch). Und wo wir schon dabei sind: Die Bezeichnung „Goden“ für Priester ist ein isländischer bzw. skandinavischer Begriff. Natürlich ist es legitim, sich den Begriff auszuleihen, aber etwas mehr Transparenz bei künstlerischen Freiheiten, z.B. durch eine Erläuterung im Nachwort (statt der vollmundigen Behauptung „Landschaften, Alltagsleben (...) und alles weitere entsprechen der historischen Realität“), wäre wünschenswert.

„Botin der Götter“ ist nicht direkt schlecht, es gibt sicher eine Menge schlimmere historische Romane, dennoch bleibt leider im Wesentlichen nur die Erkenntnis, daß dem Werk eine gründliche Überarbeitung nicht geschadet hätte.

  Deine Meinung
    LESEPROBE   Wie schlafend saß der alte Rabe hoch über dem Erdboden auf dem Ast einer dicken Eiche. Mit geschlossenen Augen lauschte er, seine faltigen Krallen umklammerten den bemoosten Ast, auf dem sein Körper ruhte. Um ihn herum dehnte sich endlos der grüne Urwald - Äste quietschten, Vögel zwitscherten, und das vielfache Gezirpe und Gebrumm von Insekten erfüllte die Luft.

Ein leichtes Zittern durchlief das Gefieder des Tieres, als es langsam seine Augen öffnete. Kehlig krächzend bereitete der Rabe seine Flügel aus und erhob sich in die Luft. Mit jedem seiner ruhigen Flügelschläge schraubte er sich höher und höher in den blauen Himmel.
 
             

© Gunnar Kunz