Toby Litt - Deadkidsongs

Originaltitel: Deadkidsongs
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2001
401 Seiten, ISBN: 0140285784

Andrew war der Einzige aus der Gang, der sich für seinen Vater nicht schämen musste. Sein Vater hatte Ahnung von geheimen Operationen, wusste, was es hieß, sich darauf vorzubereiten, dass die Gang womöglich in naher Zukunft England gegen die Russen verteidigen müsse. Von Andrews Vater war immer damit zu rechnen, dass er die Gang auf die Probe stellen würde. Und weil Andrew dadurch so viel über Taktik und Disziplin wusste, war er auch der Kopf der Gang.

Disziplin und Ehre ging über alles. Niemand durfte je die Geheimnisse der Gang verraten, niemand die Verstecke preisgeben, in denen sie sich trafen. Alles, was mit der Gang passierte, wurde sorgfältig niedergeschrieben, natürlich ebenfalls geheim.

Erst sind es nur etwas außer Kontrolle geratene Kinderspiele, die die vier Jungs während des heißen Sommers irgendwo am Land spielen. Doch dann stirbt einer von ihnen, Matthew, an einer Gehirnhautentzündung. Wäre er rechtzeitig zu einem Arzt gekommen, hätte das vielleicht verhindert werden können - doch Matthew und seine Schwester werden von den Großeltern aufgezogen, die die Gefahr nicht rechtzeitig erkennen.

Deswegen beschließen die restlichen Mitglieder der Gang, Rache zu üben an den Dinosauriern, wie die Großeltern von ihnen genannt werden - tödliche Rache...

"Deadkidsongs" ist kein Buch für zartbesaitete Leser. Gerade zum Schluss gibt es Szenen, die so grausam sind, dass ich kaum weiterlesen konnte. Wobei der Horror nicht nur an den üblichen blutigen Details festzumachen ist, sondern an er Alltäglichkeit und Beiläufigkeit, in die das Geschehen eingebettet ist.

Sie sind knapp 14, die vier Jungs, und stammen aus sehr unterschiedlichen Elternhäusern. Andrews Vater, der von den anderen vergöttert wird, ist eigentlich eine verkrachte Existenz; sein Mittel ist Gewalt, er schlägt sowohl Frau als auch Kinder. Das ist auch Pauls Eltern aufgefallen, die als Pazifisten den Umgang ihres Sohnes nicht gerade begrüßen. Doch Verbote helfen nichts; Paul will dabei sein, will zur Gang gehören, auch wenn er dafür mit seinen Eltern unangenehme Streitgespräche führen muss.

Die Faszination, die von der Gewalt, von festen Herrschaftsstrukturen ausgeht, lässt Toby Litt so deutlich werden, dass es als Leser nur schwer erträglich ist. Seine Protagonisten sind in einer Zwischenphase; ihre Kindheitsspiele werden langsam ernst, sie sind noch nicht erwachsen, sie wollen sich profilieren und wählen einen grausamen Weg. Nach diesem Buch wird einem auch klarer, warum immer noch so viele Jugendliche sich von rechten Organisationen angezogen fühlen, woraus deren Macht besteht - ohne allerdings eine Antwort zu finden, wie man den Zauber brechen kann.

Erwachende Sexualität, Machtgerangel innerhalb der kleinen Gruppe, das Entwickeln eines Moralverständnisses - das alles sind weitere Themen in diesem großartigen Buch.

Toby Litt hat einen ganz unverkennbaren Sound, er lässt mit seiner Sprache die Stimmung in einem kleinen englischen Dorf in den 70ern entstehen, seine Dialoge passen, sein Rhythmusgefühl ist faszinierend - es ist mir völlig unerklärlich, warum dieser Autor noch nicht für den deutschen Buchmarkt entdeckt wurde.

"Deadkidsongs" ist sicher kein vergnügliches, heiteres Buch - aber es ist trotz aller Grausamkeit eine wunderbare Lektüre, weil es so gut geschrieben ist. Eine unbedingte Empfehlung!

Toby Litt

Toby Litt wurde 1968 in Bedfordshire, England, geboren. Er arbeitete unter anderem als Lehrer und Buchhändler. Er nahm, wie auch Ian McEwan, an Malcolm Bradbury´s Creative Writing an der University of East Anglia teil. Von 1990 - 1993 lebte er in Prag, in dieser Zeit veröffentlichte er auch sein erstes Buch, "Adventures in Capitalism". Er lebt heute wieder in London. Leider sind Toby Litts Bücher bislang (bis auf eine vergriffene Ausnahme) nicht auf Deutsch erhältlich. Dabei wäre dies nicht nur mein persönlicher Wunsch; auch viele andere Leser sind vom Autor begeistert und würden sich für eine deutsche Übersetzung einsetzen. Mit Erlaubnis des begeisterten Lesers Volker sowie des Autors ist ein Teil der von ihm angefertigten deutschen Übersetzung von "Corpsing" hier in der LESELUST zu finden: Zum Text

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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