Donna Leon - Feine Freunde

Originaltitel: Friends in High Places
Krimi. Diogenes 2001
333 Seiten, ISBN: 3257062710

Trotz seiner juristischen Ausbildung ist Brunetti nicht in der Lage, den Inhalt des Briefes zu entschlüsseln, der vom Katasteramt kommt. So wird der Brief zu den anderen Dingen gelegt, die noch zu erledigen sind - und prompt vergessen.

Dann klingelt es Samstag vormittags an der Tür. Ein junger Mann vom Katasteramt kommt vorbei - ungläubig, dass aus dem Brief das Anliegen der Behörde nicht ersichtlich sein sollte. Es wäre seine Aufgabe, die Pläne und Genehmigungen aller Wohnungen in Venedig zu sammeln und an einem zentralen Archiv zu lagern, erklärt er Brunetti. Und: das die Wohnung die dieser mit seiner Frau vor 20 Jahren gekauft hatte, eigentlich gar nicht existiere. Offiziell.

Bestenfalls eine hohe Geldstraße - schlimmstenfalls der Abriss der Wohnung. Das wäre zu erwarten, meint Rossi noch, bevor er sich wieder auf den Weg macht.

Ein Fall für Paolas Vater, wie sie meint. Auf keinen Fall! Brunetti ist entsetzt. Er will die Macht, die ihr Vater hat, nicht dazu nutzen, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Den offiziellen Weg einzuschlagen kommt aber nicht einmal ihm in den Sinn; er will nur seine eigenenn Beziehungen spielen lassen, die zwar wesentlich weniger weitreichend, aber dennoch vorhanden sind. Jeder hier hilft dem anderen mal aus der Patsche, jeder kennt jemanden, der ihm noch einen Gefallen schuldet. Je mehr Gesetze erlassen werden, umso mehr Wege finden sich, sie zu umgehen.

Dann erhält Brunetti überraschend einen Anruf in der Questura. Rossi vom Katasteramt ist dran; er hätte etwas sehr Brisantes, das er nicht über die normale Telefonleitung mitteilen wolle; aber auf den Anruf aus der Telefonzelle wartet Brunetti vergebens.

Dafür erfährt er am Tag danach, dass Rossi unglücklich von einem Baugerüst gestürzt sei. Und das macht Brunetti stutzig: als Rossi ihn besucht hatte, war er vor lauter Höhenangst nicht in der Lage gewesen, die Terrasse zu betreten. Und dieser Mann sollte freiwillig auf ein Gerüst geklettert sein? Alleine? Nie und nimmer. Dazu noch der seltsame Anruf - Brunetti ist sicher, dass Rossi einer großen Bestechungsaffäre auf die Spur gekommen ist...

Der Saubermann Brunetti sammelt immer mehr dunkle Punkte auf seiner einst so strahlend weißen Weste. Hat er schon im letzten Fall, "In Sachen SIgnorina Brunetti" ohne zu zögern dafür gesorgt, dass die Racheaktion seiner Frau keinen Niederschlag in ihrer Akte fand, so geht er diesmal noch viel weiter. Den dealenden Sohn seines Chefs versteht er, von einer Anzeige freizusprechen; und sein eigene Wohnungsproblem, das weiß er, wird er bestimmt auch nicht auf legalem Weg lösen.

War Brunetti früher ein Garant für eine hochmoralische Haltung und Arbeitsweise, so ist er es jetzt nur noch in seinen Vorstellungen, seinen Wünschen. Sein Verhalten ist immer weniger damit im Einklang. Ein riskanter Weg, den die Autorin hier einschlägt - aber auch sehr spannend, denn wird uns Brunetti trotzdem sympathisch bleiben? Wird er immer weiter in diesen Sumpf aus Verbrechen, Bestechung, Korruption hineingezogen werden - resigniert, weil ihn seine hären Grundsätze nicht weitergebracht haben? Man darf gespannt sein!

Donna Leon

Donna Leon wurde 1942 in New Jersey geboren, wo sie auch ihr Universitätsstudium abschloss. Gegenwärtig lehrt sie Englische Literatur in Vicenza, an einer Außenstelle der Universität Maryland in einem US-Luftwaffenstützpunkt bei Venedig, wo sie auch lebt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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