Donna Leon - Das Gesetz der Lagune

Originaltitel: A Sea of Troubles
Roman. Diogenes 2002
322 Seiten, ISBN: 325706313X

Wenn ein Schiff im Hafen zu brennen beginnt, ist das für die Fischer, die ihr Boot in der Nähe verankert haben, eine Katastrophe. Es verwundert also nicht, dass die Einwohner Pellestrinas zuerst daran dachten, ihre Boote vom Brandherd wegzubringen, bevor dann irgendwann die Frage aufkam: wo sind eigentlich die Beiden, Vater und Sohn, denen das Boot gehört? In ihrem Haus sind sie nicht - und ein kurzer Tauchgang ergibt: sie sind an Bord. Tot.

Trotzdem dauert es noch ein paar Stunden, bis auch die Polizei darüber informiert wird; keine böse Absicht, aber in der Gemeinschaft ist man es gewöhnt, alles untereinander zu regeln. Polizei und andere Ordnungseinrichtungen sieht man hier nicht gerne. Und so können Brunetti und sein Team auch wenig mehr feststellen, als dass die beiden keines natürlichen Todes gestorben sind - und dass den Vater gewiss niemand betrauert, während der Sohn sich allgemeiner Beliebtheit erfreute.

Trotz aller Bemühungen stößt Brunetti auf Granit, wenn es darum geht, den Nachbarn ein Motiv zu entlocken. Fischer reden nur mit Menschen, denen sie vertrauen können - und dazu zählt die Polizei ganz offensichtlich nicht. Aber Signorina Elettra hat eine Idee: ihre Cousine lebt auf Pellestrina. Und sie besucht sie normalerweise jeden Sommer - warum also nicht auch jetzt? Und während sie ganz offiziell Urlaub macht, kann sie, die fast den Status einer Einheimischen hat, vielleicht etwas mehr erfahren...

Die bei der Leserschaft durch ihre effiziente, unorthodoxe Informationsbeschaffungsmethode sehr beliebte Signorina Elettra erhält diesmal also eine aktivere Rolle zugedacht: sie darf selbst ermittelnd in den Fall eingreifen. Eine brilliante Idee - die leider nicht adäquat umgesetzt wurde. Natürlich hat man als Leser bei Donna Leon nicht den Anspruch, ein reales Bild der Polizeiarbeit vermittelt zu bekommen. Aber eine Sekretärin, so ungewöhnlich und excellent sie sein mag, die anfängt zu ermitteln und dann derart dürftige Berichte abliefert, nur um Brunetti die Möglichkeit zu geben, um sie besorgt zu sein, und seiner Frau, ein bisschen eifersüchtig zu werden - das hat mein Lesevergnügen doch etwas getrübt.

Dabei war es durchaus interessant zu lesen, dass jetzt auch die sonst so zugeknöpfte Signorina Elettra mit einem Privatleben ausgestattet wird, ja, sogar eine Affäre haben darf. Ich bin ohnehin ein Fan des privaten Umfelds von Serienermittlern, daher interessieren mich solche Details natürlich.

Dafür trat in diesem Fall Brunetti und seine Familie in den Hintergrund. Es wurde kein einziges Mal gekocht, was für mich bei dieser Reihe eine absolute Novität darstellt; aber vom Essen ist dennoch genug die Rede. Schließlich ist Vianello, Brunettis bevorzugter Ermittler, seit einiger Zeit bei Greenpeace und seither auch kein Fan mehr der traditionellen venezianischen Meereskost, die ihm zu sehr belastet ist. Ein wunderbarer Aufhänger, um über Umweltverschmutzung zu philosophieren. Schließlich erwartet der Leser von einem Donna-Leon-Krimi auch sozialkritische Aspekte. Die dann auch mit Spekulationen über Bürgerpflicht, die mit dem traditionellen Zusammenhalt der Gemeinschaft konkurriert oder der guten alten Korruption im italienischen Staatssystem noch weiter ausgeführt werden.

Die gute Nachricht: Brunetti denkt erstmals über Pensionierung nach. So sehr man ihn als Leser wohl in der Zwischenzeit ins Herz geschlossen hat - seine Ermittlertätigkeit reißt mich als Leser mittlerweile nicht mehr vom Hocker. Zu oft wurden die einzelnen Motive schon verwendet, und ich nehme es dem Protagonisten nicht mehr ab, dass er nach all den Dienstjahren immer noch völlig überrascht sein kann, wie korrupt das System ist, wie wenig Vertrauen die Bevölkerung in den Polizeiapparat hat etc. Diese Phrasen wirken so, als wären sie eingefügt, weil man Brunetti eben so kennen gelernt hat; aber der Autorin gelingt es leider nicht, über das Zitat hinauszugehen und dem Leser diese Skepsis aus dem Charakter der Figur anstelle des Dialoges fühlbar zu machen.

Dabei wäre "Das Gesetz der Lagune" für sich genommen wahrscheinlich ein durchaus passabler, handwerklich solide gearbeiteter Krimi. Aber es ist nun einmal Teil einer Serie - und in meinen Augen ist es langsam an der Zeit, Brunetti nicht weiter ermitteln zu lassen.

Donna Leon

Donna Leon wurde 1942 in New Jersey geboren, wo sie auch ihr Universitätsstudium abschloss. Gegenwärtig lehrt sie Englische Literatur in Vicenza, an einer Außenstelle der Universität Maryland in einem US-Luftwaffenstützpunkt bei Venedig, wo sie auch lebt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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