Siegfried Lenz - Zaungast

Originaltitel: Zaungast
Roman. Diverse 2002
87 Seiten, ISBN: 3765724599

Kennen Sie eigentlich die Gefahren einer jütländischen Kaffeetafel? Nein? Nun - es fängt harmlos an. Duftender schwarzer Kaffee, dazu gebutterte Rundstücke - schlicht und einfach, dazu die gestärkte Damasttischdecke und das beste Porzellan als Augenweide.

Aber ganz so schlicht bleibt es natürlich nicht. Da wird dann noch Blätterteigkuchen, Buttercremetorte, Napoleonschnitten, Nusstorte präsentiert - natürlich immer begleitet von literweise heißem, starkem Kaffee. Immer beklommener wird dem Gast zumute, die Konversation beschränkt sich auf verzweifelte Blicke zur ebenso leidgeprüften Gattin; bis dann in unverständlichem Leichtsinn die Frage aufkommt: "Und wo bleibt bitte das Kleingebäck"?

Seine Reisebeobachtungen führen Siegfried Lenz auch in eine japanische Schulstunde. Was man beim Grüßen eines Bekannten, eines Freundes alles spüren kann, wird den Schülern als Aufgabe gestellt; und der deutsche Beobachter staunt, was Kinder hier antworten. Undenkbar, mit den Lehrern Scherze zu treiben, wie Lenz sie erzählt...

Eine meiner Lieblingsgeschichten war die Suche nach dem Kukkaburra in Australien; der lachende Vogel, von dem er schon im Vorfeld gehört hatte, und den er bei seinem Aufenthalt dann auch unbedingt sehen wollte - und der just zu dem Zeitpunkt verschwand, da er eintraf.

Nicht alle Erzählungen haben dieselbe Dichte und Präsenz wie etwa die Jütländische Kaffeetafel, aber durch eine wunderbar gepflegte, pointierte Sprache zeichnen sie sich alle aus. Sehr liebevoll und mit feinem Witz lässt er uns mitkommen, mitleiden - am besten kommt das natürlich zur Geltung, wenn man den Autor selber lesen hört. Aber auch, wenn man selbst die Texte laut liest; denn die Eleganz, die Sprachmelodie und vor allem eben die humorvollen Neckereien kommen dabei am deutlichsten zur Geltung.

Siegfried Lenz

Siegfried Lenz wurde 1926 in Lyck in Ostpreußen geboren und lebt in Hamburg. Lenz ist der Sohn eines Zollbeamten in Masuren. 1939 kam er in die Hitler-Jugend, und 1943 machte er seine Notabitur. Dann diente er in der Kriegsmarine, und er überlebte die Versenkung seines Schiffes. Er desertierte in Dänemark und kam in englische Kriegsgefangenschaft. 1945 begann er in Hamburg Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft zu studieren. Zur gleichen Zeit schrieb er für verschiedene Zeitungen, und 1950 wurde er Feuilletonredakteur. Von 1965 bis zum Beginn der 70er Jahre arbeitete er in Wahlkämpfen für die SPD. Unter anderen erhielt er den Bremer Literaturpreis (1961), den Literaturpreis der deutschen Freimaurer (1970) und den Thomas-Mann-Preis (1984).

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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