Julia Leigh - Der Jäger

Originaltitel: The Hunter
Roman. Suhrkamp Verlag 2002
200 Seiten, ISBN: 3518413228

Er ist ein Profi. Seine Einsätze sind bis ins Detail geplant, er sammelt an Informationen, was er finden kann. Und er weiß, dass auch die Firma, für die er arbeitet, in der Präzision arbeitet, wie er es erwartet. Der Grund, warum ausgerechnet er für diesen Auftrag ausgewählt wurde, ist klar: Er ist der Beste. Und er ist ein Einzelkämpfer.

Sein Auftrag? Er soll den letzten noch lebenden Beuteltiger, der sich angeblich in der Hochebene Tasmaniens noch herumtreiben sollte, ausfindig machen. Und töten. Die DNA könnte wertvolle Hinweise bei der Erstellung von biologischen Waffen geben, oder für Heilmittel eingesetzt werden - er weiß es nicht. Und es zählt für ihn nicht; wichtig ist für ihn, dass er seinen Auftrag ausführt, seinen Stolz wahren kann.

Die Firma sorgte für die Rahmenbedingungen. Ein Quartier brauchte er, von dem aus er unauffällig operieren konnte, ein Basislager, in dem Alarm geschlagen würde, wenn er nicht zur vereinbarten Zeit wieder auftauchen würde.

Aber diesmal hatte die Firma wohl einen Fehler gemacht; denn das Haus, in dem er einquartiert war, gehörte einer Familie, die zwar sehr wohl über sein Kommen unterrichtet war - doch schien es niemanden zu kümmern. Und bald darauf erfährt er auch den Grund: Der Vater war auf ebendieser Hochebene verschollen, nie wieder aufgetaucht.

Eine gefährliche Ausgangslage, die ihn, den rationalen Profi, an die Grenzen seiner Selbstwahrnehmung bringen sollte...

Ein sehr sehr seltsames Buch hat die australische Jung-Autorin mit ihrem Erstling hier geschaffen. Am Ende der Geschichte hält man eine Menge loser Fäden in Händen und spürt nur dumpf, dass sich hier jemand losgerissen hat, dass hier jemand keine Rücksicht mehr darauf genommen hat, was nach ihm bleibt.

Die Schilderung des Jagens, der Anpassung an das Gejagte Tier, erfolgt völlig sachlich, beinahe emotionslos. Beinahe. So will auch der Jäger selbst erscheinen; doch immer stärker drängen seine Gedanken in eine Richtung, die er gar nicht kennt bislang, die mit menschlicher Bindung, mit dem Wunsch verbunden sind, einen Ruhepol im Leben zu finden - und der daran scheitert.

Die Begegnungen mit dem Rest dieser trauernden Familie, die er da in ihrem verwahrlosten Heim antrifft, bestechen durch ihre Absonderlichkeit. Es ist vor allem die Tochter, die hier zur treibenden Kraft wird, und als die Mutter anfängt, ihm Avancen zu machen, reagiert er zwar auf sie - aber der Mensch, der seine Gedanken beherrscht, bleibt das Kind.

Sehr ungewöhnlich also, dieses Buch - von eigenartiger Faszination, aber speziell für Tierfreunde eine Lektüre, die Unwohlsein verursacht.

Julia Leigh

Julia Leigh, geboren 1970 in Sydney, veröffentlichte "The Hunter", ihr erstes Buch, vor zwei Jahren mit aufsehenerregendem Erfolg in Australien, England und den USA. Übersetzungen ins Französische und Italienische folgten. Zur Zeit lebt sie in Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©09.05.2002 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing