Thomas Lehr - Nabokovs Katze

Originaltitel: Nabokovs Katze
Roman. Aufbau Verlag 1999
509 Seiten, ISBN: 3746617413

15 Jahre, und der erste Kontakt mit härteren Drogen; LSD, gleich 2 Pillen, und daraufhin ein Höllentrip, den Georg im Krankenhaus überlebt. Daraufhin hat er das Gefühl, als hätte sich in seinem Gehirn ein Pfropfen gelöst, so dass er nun unablässig denkt und denkt und denkt.

Der erste Mensch, der ihm begegnet, als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, ist Camille, die ihn vor dem mittelalterlichen Wehrturm leidenschaftlich küsst. So beginnt seine Gehzeit mit Camille – denn die meiste Zeit verbringen sie gehend, durch die Stadt, am Rhein entlang, im Schatten des Kaiserdoms, während Georg unablässig auf Camille einredet, seine Erkenntnisse aus der Lektüre Sartres auf sie niederprasseln lässt.

Ansonsten passiert nicht viel zwischen den beiden; Camille verweigert standhaft jede sexuelle Annäherung, die über die leidenschaftliche Knutscherei hinausgeht. Und eines Tages, nachdem sie gerade aus einem Eiscafe rausgeworfen wurden, weil dem Besitzer ihre Küsse als geschäftsschädigend empfand, verlässt sie ihn.

Es folgen Jugendjahre in der Kleinstadt, andere Frauen bzw. Männer; beide verlassen sie dann S.. Georg studiert Mathematik in Berlin. Der Kontakt zu Camille bleibt lose aufrecht. Und eines Tages besucht er sie in ihrer Stadt; ein Tag, eine Nacht, in der wieder nichts passiert, alles sehr verkrampft abläuft.

Doch es löst eine Veränderung in ihm aus – er schmeißt sein Studium, um sich zukünftig mit Filmen zu beschäftigen Er hat auch Erfolg damit, langsam zwar, aber doch, schafft es, eines seiner Drehbücher auch verfilmen zu können. Nicht dieses eine, das er über die letzte Begegnung mit Camille geschrieben hat, das ihn sehr lange beschäftigt hatte und nicht losgelassen hatte.

Nach Abschluss dieser Dreharbeiten besucht er sie auch wieder. Diesmal ist die Situation wesentlich entspannter, die Dialoge im Off bleiben fast völlig aus. Nur – auch diesmal passiert nichts. Außer, dass Georg vermeint, sie und ihren Freund beim Sex zu belauschen, die Nacht deswegen großteils im Garten verbringt – und am nächsten Morgen feststellen muss, sich getäuscht zu haben.

Ihr Abschiedskuss schmeckt für ihn wie die Verheißung, was alles hätte passieren können wenn - und nun zu spät und unmöglich ist. Wieder
verlässt er sie frustriert. Um gleich darauf seine zukünftige Frau kennenzulernen.

Sein Stern steigt – er erhält die Gelegenheit, weitere Ideen zu verwirklichen, große Bilder fürs Kino zu drehen. Nach seinem bislang größten Erfolg, der Premiere seines Filmes im Rahmen der Berlinale, glaubt er sie in einem Cafe zu sehen – ohne sie jedoch anzusprechen, oder von ihr angesprochen zu werden. Lange studiert er sie, ihr Gesicht, ihre Gestik; und wieder entsteht aus der Begegnung mit ihr eine neue Idee, sein nächster Film.

Doch die Krise folgt danach – am Höhepunkt seiner bisherigen Karriere gehen ihm die Ideen aus. Camille, sein Dämon, seine Muse – er kramt das lange im verborgenen gehaltene Manuskript wieder hervor, beschäftigt sich mit nichts anderem mehr. Er nimmt in Kauf, dass seine Ehe in die Brüche geht, flieht für einige Monate nach Mexiko – alles auf der Suche nach ihr, nach Camille, der einzigen, die ihn überallhin verfolgt.

Ich habe seit langem wieder einmal tatsächlich meinen Schlaf geopfert, um ein Buch zu Ende zu lesen. Unmöglich, es 100 Seiten vor Schluss aus der Hand zu geben! Dabei ist es ja nicht spannend im herkömmlichen Sinn; es passiert relativ wenig.

Es ist ein Entwicklungsroman. Wir begleiten Georg über einen Zeitraum von 25 Jahren hinweg, erleben seine Träume und Enttäuschungen mit, und immer wieder begegnen wir Camille, seiner Jugendliebe.

Träume und sexuelle Phantasien begleiten die Geschichte; oft ist lange nicht klar, was er nun tatsächlich erlebt. Er sieht die Welt häufig wie einen Film ablaufen, registriert winzige Momente, fängt das Licht in Worten ein.

Seltsam schemenhaft bleiben die Frauen in seinem Leben, die ihn über längere Zeit begleiten; er zerrt die Beziehungen zu ihnen, seinen Hauptsätzen, nicht ans grelle Licht. Aber den Nebensätze, Frauen, denen er vielleicht nur einmal begegnet, widmet er sich in aller Ausführlichkeit.

Wenn man nur den Klappentext des Buches liest, bekommt man den Eindruck einer erotischen Geschichte. Punkt. Nichts also, was wohl über 500 Seiten tragen würde. Welch ein Irrtum! Ja, es ist erotisch, aber es ist noch sehr viel mehr. Was der Autor hier beschreibt, die Jugend in der Kleinstadt, den Wechsel nach Westberlin, das alles fühlt, riecht, schmeckt und vor allem: glaubt man. Es ist also auch ein Stück Zeitgeschichte, wobei gerade die Wende nur ganz am Rande eine Rolle spielt; hier soll nicht Geschichte mit dem Aufhänger einer hineingepflanzten Handlung erzählt werden, hier ist die Zeit, in der das Geschehen spielt, einfach der Boden, der selbstverständliche Hintergrund.

Es passt einfach. Es stimmt die Sprache, das Geschehen – ja, ich bin begeistert! Und lasst euch nicht von dem wirren Traum abschrecken, mit dem das Buch beginnt, denn danach war ich auch noch sehr skeptisch, ob es sich lohnen würde, weiterzulesen.

Thomas Lehr

Thomas Lehr wurde 1957 in Speyer geboren. 1979 bis 1983 studierte er Biochemie in Berlin. Für seinen ersten Roman "Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade" (1993) erhilet er 1994 u.a. den Rauriser Literaturpreis für die beste deutschsprachige Erstveröffentlichung und den Mara Cassens Preis des Literaturhauses Hamburg für den Ersten Roman. 1994 erschien sein zweiter Roman, "Die Erhörung", für den er 1996 den Förderpreis Literatur zum Kunstpreis Berlin erhielt. Thomas Lehr lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.01.2001 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing