Originaltitel: Mille six cents ventres
Roman. Ullstein Verlag 1998
248 Seiten, ISBN: 354860093X


Nicht nur, daß Henri Blain, Chefkoch im Strangeways-Gefängnis, durch die Revolte "aus technischen Gründen" nun arbeitslos ist - und das so kurz vor der Pensionierung! - nein, sein Haus steht auch noch so nahe am Gefängnis, daß sein Garten von den Ziegeln und Dachplatten, die die Gefangenen wegschleudern, völlig zerstört wird.
Allerdings hat man von seinem Haus aus auch einen wunderbaren Blick auf die Meuterer - für dessen Nutzung die Journalisten gerne bereit sind, ein paar Scheine locker zu machen.
So stellt er in seinem Garten Stühle auf für die "normalen" Besucher, die nur neugierig sind - und läßt die Fotografen im ganzen Haus herumlaufen. Vor allem auf Louise legt er in diesem Zusammenhang größten Wert; eine ältliche Jungfer, entwickelt sie unter seiner Anleitung ein unersättliches Verlangen, dem er kaum in der Lage ist nachzukommen.
Sehr bald schon fängt sie an, ihn zu nerven - und weckt damit seine Erinnerung an die anderen Frauen in seinem Leben, derer er überdrüssig geworden war, und die er immer noch in seinem Garten um sich versammelt hat.
Aber viel stärker beschäftigt ihn noch die unverschämte Anklage der Meuterer, er, der Chefkoch, sei mit ein Grund für die Revolte: sie bezeichnen ihn als Folterkoch. Eine Beleidigung, die er natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann, und so wälzt er die Schuld auf diejenigen ab, die für den Einkauf der Lebensmittel zuständig wären. Daß es ihm ein unheimliches Vergnügen bereitet, mit seinem Fraß Verheerungen in den Verdauungsorganen anzurichten - nun, das braucht er nicht zu erwähnen…
Was für ein böses Buch! Das Instrument, das Henri blendend zu spielen versteht, die 1600 Bäuche der Gefängnisinsassen, wird hier fast hör- und leider auch riechbar.
Vor dem Hintergrund einer realen Gefängnisrevolte erzählt der Autor hier meisterhaft von einem Serienmörder, dessen Lust mit seinen knapp 60 noch ungebrochen ist, der trotz seiner sadistischen Neigungen und des Geschäftssinnes immer noch einen Funken Sympathie erregt - lustvoller Ekel, so könnte man es wohl bezeichnen.
Wer eine pralle, deftige - und vor allem unglaublich zynische Geschichte zu schätzen weiß, sollte unbedingt dieses Buch lesen!
Luc Lang hat seit 1988 drei von der Kritik hochgerühmte Romane veröffentlicht. Mit "1600 Bäuche", der 1998 mit dem Leserpreis "Prix Goncourt des Lyceens" ausgezeichnet wurde, gelang ihm ein fulminanter Publikumserfolg. Luc Lang lehrt Ästhetik an der École des Beaux Arts in Paris.
©03.02.2000 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2009 LESELUST Daniela & Markus Brezing