John Lanchester - Hotel Empire, Hongkong

Originaltitel: Fragrant Harbour
Roman. Zsolnay Verlag 2004
421 Seiten, ISBN: 3423209208

Die Erzählungen der Seeleute, die im Plough, dem Pub in England, in dem Tom Stewart aufwuchs, verkehrten, weckten in ihm schon früh die Sehnsucht, zu reisen, vor allem nach Asien.

Anfang der dreißiger Jahre war es dann soweit; er schifft sich ein nach Hongkong. Von der Neugierde getrieben erkundigt er sich schon zu Beginn, ob auch alleinreisende junge Frauen an Bord wären; zwei sollten in Marseille zusteigen, wurde ihm beschieden. Dass es sich dabei allerdings um Nonnen handelt, hatte der Offizier ihm aus Jux verschwiegen. Mit dem Auftauchen der beiden Nonnen an ihrem Abendbrottisch ändert sich auch das Klima; und aus einer hitzigen Diskussion um Sinn und Rechtfertigung der Missionsarbeit heraus entsteht die Wette, dass die sprachbegabte chinesische Nonne Maria Tom noch während der Überfahrt Grundkenntnisse an Kantonesisch vermitteln sollte.

Zwischen den beiden entwickelt sich während dieser Zeit eine tiefe Freundschaft, die auch nach ihrer Ankunft in Hongkong weiterbesteht.

Der Kapitän hatte Tom empfohlen, bei Mr. Masterson vorzusprechen; dieser war der Empfehlung gefolgt und fing an, in dessen Hotel Empire zu arbeiten.

An der Hotelbar wird Krieg immer häufiger zu einem Gesprächsthema; vom nahen japanisch-chinesischen Krieg abgesehen wächst die Furcht vor einem neuen europäischen Krieg - dessen Beginn dann auch entsprechend die Gemüter erhitzt. Vor allem ist die Angst groß, was in Hongkong passieren würde - konnte die Stadt gehalten werden? Würden die Japaner sie angreifen? Tom, dessen Sprachkenntnisse und Kontakte auch dem Militär bekannt waren, wird schon früh für den Ernstfall vorbereitet: sollten die Japaner die Stadt kontrollieren, soll er als Mitarbeiter einer Bank Informationen weiterschleusen.

Doch als Hongkong dann tatsächlich angegriffen wird, gilt seine Sorge zunächst Maria, die sich in den New Territories befindet. Dem Flüchtlingsstrom entgegen macht er sich auf die Suche nach ihr; findet sie als einzige Überlebende eines Massakers - und lässt sie dann doch zurück, in der Hoffnung, sie als Chinesin wäre in China während des Krieges sicherer als in Hongkong. Er dagegen kehrt zurück, um seine Rolle in der Stadt einzunehmen.

Erst lange nach dem Krieg sehen sie sich wieder; beide sind gezeichnet von ihren Erlebnissen, doch ihre Freundschaft bleibt weiterhin bestehen. Hongkong boomt; doch nicht alles, was aufgebaut wird, wird auf legalem Weg erreicht. Die Triaden haben unter der Hand die Macht, und einer der wichtigsten Männer der Stadt ist Wo Man-Lee. Maria hatte einst dessen Bruder zu Tom geschickt, in der Hoffnung, ihn dadurch von den Bandengeschehnissen fernhalten zu können; so war auch Tom in Kontakt mit Wo gekommen, dessen Kontaktmann er während des Krieges war.

Entsprechend groß ist die Aufregung, als Wos Festnahme bekannt wird; die Chance, dass es zu einer Verhandlung kommt, denn wer würde so wahnsinnig sein und sein Leben für eine Aussage riskieren? Tom erfährt es früh genug durch eine Warnung, die ihm unmissverständlich klarmacht, dass Marias Leben in höchster Gefahr ist...

Auch wenn es nach der obigen Kurzbeschreibung nicht den Anschein haben sollte: "Hotel Empire Hongkong" ist kein besonders handlungsreicher Thriller, sondern im Gegenteil eine eher beschaulich erzählte Geschichte eines Mannes, der in Hongkong seinen Weg macht. Den größten Raum nimmt denn auch nicht etwa ein temporeicher Handlungsstrang ein, sondern eine sehr gelungene Darstellung der Stadt in jener Zeit, ein Spiegel der Stimmungen und Hoffnungen, die die dort ansässigen Briten umtrieben.

Vorkriegsjahre, Flüchtlingsströme, die Einflüsse Chinas, das Internierungslager, die Aufbruchstimmung danach - all das ist mit sehr viel Liebe zum Detail geschildert, ohne dabei belehrend zu werden oder an irgendeiner Stelle langweilig. Soweit wäre es ein makelloser Schmöker - doch leider gibt es auch zwei Schönheitsfehler an diesem Buch.

Der eine ist der unproportional lange Einstieg auf einer zweiten Zeitebene, kurz vor der Rückgabe der Stadt an China; ausführlich erfahren wir den Werdegang der Journalistin Dawn Stone, die zwar zum Schluss natürlich noch eine Rolle spielt, deren Einführung aber im Verhältnis zum Rest des Romanes einfach zu viel Platz einnimmt. (Dabei möchte ich ausdrücklich betonen, dass auch dieser Teil mich keine Sekunde gelangweilt hat!)

Der zweite betrifft eine Wendung relativ am Ende des Buches, die ich hier leider nicht genauer ausführen kann, ohne den Spaß an der Lektüre zu verderben; nur so viel: es erschien mir so unpassend, dass ich kurzfristig fast die Freude am Buch verloren hätte.

Dennoch: wer auch nur das geringste Interesse für diese Stadt und ihre jüngere Geschichte mitbringt, wer sich gerne lesend in eine fremde Welt versetzen lässt, dem garantiere ich mit "Hotel Empire, Hongkong" eine interessante und spannende Lektüre.

John Lanchester

John Lanchester wurde 1962 in Hamburg geboren, wuchs im Fernen Osten auf und studierte in Oxford. Er war Restaurantkritiker des Observer und stellvertretender Chefredakteur der London Review of Books.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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