Jhumpa Lahiri - Melancholie der Ankunft

Originaltitel: Interpreter of Maladies
Erzählung(en). btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2002
252 Seiten, ISBN: 3442729785

Der Strom wird abgeschalten, jeden Abend um 8 Uhr, für eine Stunde, um Reparaturarbeiten durchzuführen. Das ist der Grund, warum sich Shoba und Shukumar plötzlich, ganz unvorbereitet wieder beim Abendessen gegenübersitzen, warum ihre Rückzugsmittel, die sie sonst abends vorschützen, ihre Arbeit, sein Studium, plötzlich nicht mehr funktionieren.

Im Kerzenschein fangen sie leise und behutsam wieder an, miteinander zu reden. Sich gegenseitig die kleinen Verletzungen und Geheimnisse zu erzählen, die sie sich gegenseitig zugefügt haben - und dabei zu versuchen, die große Kluft, die sie trennt, seit ihr Baby tot geboren wurde, zu überwinden.

Das Zerbrechen dieser Liebe wird geschildert, die Unfähigkeit, gemeinsam zu trauern, gemeinsam neu anzufangen - zutiefst traurig und bekümmernd, aber dennoch auf sehr unsentimentale Weise lebt und leidet man als Leser mit, um am Ende doch die Konsequenz zu sehen.

Um den Anfang der Liebe geht es dagegen in der letzten Geschichte, *Der dritte Kontinent* - das Paar hier wurde nach alter Tradition von den Eltern zusammengeführt, und erst der Besuch bei der alten Zimmerwirtin des Mannes lässt sie sich gegenseitig richtig wahrnehmen. Es ist der dritte Kontinent, auf dem er sein Leben neu aufbaut - und er sieht hier die ihm so unbekannte Welt, in der ein sich-kümmern so absurd erscheint, in der Absonderlichkeiten nicht gerne gesehen werden.

Die Erzählung von den gemeinsamen Abendessen mit Mr. Pirzada, der mit einem minimalen Stipendium in den USA zu überleben versucht, und in Dhaka seine Frau und sieben Töchter zurückgelassen hat - zu einer Zeit, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Die Wichtigkeit, mit der dieses Thema im Unterricht behandelt wurde, und die Ignoranz, im Schulunterricht noch nicht einmal ein Wort darüber zu verlieren, wird hier unaufdringlich bewusst gemacht.

Es sind durch die Bank Erzählungen, die Zerrissenheit, die Reibungsfläche eines Lebens zwischen mehreren Kulturen schildern; dabei hat die Autorin es aber geschafft, die Situation nicht als unlösbar zu schildern, als unmögliches Miteinander; ihre Protagonisten leben ganz gut in ihrer neuen Umgebung, haben sich an die angepasst, und pflegen dennoch immer noch ihre Wurzeln.

Jhumpa Lahirir wurde für diese Erzählungen mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet, was ihr sehr viel Aufmerksamkeit eingebracht hat. Zu Recht.

Jhumpa Lahiri

Jhumpa Lahiri wurde 1967 als Tochter bengalischer Eltern in London geboren und wuchs in Rhode Island, USA, auf. Sie studierte Literaturwissenschaften in Boston und lebt heute in New York. Für "Melancholie der Ankunft" wurde sie 2000 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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