Ulrike Längle - Vermutungen über die Liebe in einem fremden Haus

Originaltitel: Vermutungen über die Liebe in einem fremden Haus
Roman. S. Fischer Verlag 1998
248 Seiten, ISBN: 3100439201

Fanny mietet in Schweden ein Ferienhaus, um dort ihren Urlaub zu verbringen und auch von mißglückten Beziehungen Abstand zu gewinnen. Sie beginnt das seit längerem leerstehende Haus und den leicht verwilderten Garten herzurichten und macht sich dabei allerhand Gedanken über die früheren Bewohner des Hauses. Vor allem Eric, der verstorbene Vater des Vermieters, mit dessen melancholischem Portraitfoto sie Zwiegespräche führt, hat es ihr angetan.

Über viele viele Seiten kann man Fanny bei der Verrichtung alltäglicher Handgriffe beobachten, erfährt einiges über Ikea-Möbel und schwedische Lebensmittel. Dann kommt die Handlung ein wenig in Fahrt, weil plötzlich und ziemlich unmotiviert der Nachbar in ihr Leben tritt und rasch wieder daraus verschwindet.

Dann neigt sich die Geschichte ihrem Höhepunkt zu, wenn Fanny ihrem Vermieter (den sie nur ganz kurz bei der Übergabe des Häuschens gesehen hat) die Quintessenz ihrer Vermutungen preisgibt. "Wenn Sie recht haben, bin ich der Sohn eines Bauern, der mit seiner Tochter, die gar nicht seine Tochter ist, ein Kind hatte und nach Amerika ausgewandert ist" meint darauf Herr Lundberg, ist keinesfalls erbost darüber, sondern so hingerissen von dieser abstrusen Geschichte, daß er sie sofort stürmisch umarmt.

Soviel zu Vermutungen und Liebe.

Das Beste am Buch: Der Titel. Leider paßt er nicht zum Buch.

Der Vorschlag unserer Literaturrunde: Vermutungen über die Möbel in einem fremden Haus oder Und ewig klirrt die Fahnenstange.

Ich würde gerne etwas Positives über das Buch einer Autorin aus Vorarlberg schreiben. Aber das Buch ist in meinen Augen leider gänzlich mißlungen. (Und die Literaturrunde war sich in diesem Fall einig, wie nie zuvor). Was hat es für einen Sinn, drei Tage, in denen kaum etwas geschieht, auf hundertfünfzig Seiten auszudehnen, nur um jedes Möbelstück genauestens zu beschreiben? Ganz abgesehen vom hautfreundlichen, umweltschonenden Spülmittel und dem schmackhaften Vollkornbrot, dem Wasser von Hämby, das nie erwähnt wird ohne es köstlich und frisch zu nennen und der ewig klirrenden Fahnenstange.

Dagegen geht sie eher ungenau mit Menschen und deren Gefühlen um. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen umarmen sie sich plötzlich, einem wildfremden Mann im Laden tätschelt sie die Hand, er lächelt glücklich, wir werden nie erfahren, weshalb und die Beziehung zu Fanny’s Exmann wird zwar immer wieder geschildert, trotzdem hat man am Schluß das Gefühl, man habe gar nichts über ihn erfahren.

Das Buch ist voll von sprachlichen Entgleisungen (die grünen Türkisherzen im Fenster) ungenauen Assoziationen (wenn sie Toastbrot isst, klingt es wie das Knirschen einer Betonmischmaschine) und geradezu lächerlichen Einfällen. (Der kleine Eric weint beim Anblick eines Pickelhelmes aus Mitleid, weil er davon ausgeht, dass er symmetrisch ist und nach innen auch eine Spitze hat.)

Ulrike Längle

Ulrike Längle, Geboren am 4. Februar 1953 in Bregenz / Vorarlberg. Studium der Germanistik, Romanistik und Komparatistik in Innsbruck und in / Frankreich. Lehramt. Seit 1984 Leiterin des Franz-Michael-Felder- und Vorarlberger Literaturarchivs in Bregenz. Lehrbeauftragte an der Universität Innsbruck. Autorin, Herausgeberin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin. Herausgeberin u. a. der Erinnerungen Max Riccabonas im Haymon Verlag Innsbruck, 1995. Lebt in Bregenz / Vorarlberg.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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