Andrej Kurkow - Ein Freund des Verblichenen

Originaltitel: Milyi drug, tovarisc pkojnika
Roman. Diogenes 2001
144 Seiten, ISBN: 3257233671

Tolja ist des Lebens überdrüssig. Die Frau, mit der er verheiratet ist, bedeutet ihm nichts mehr - am wohlsten fühlt er sich, wenn sie gar nicht da ist. Und auch sonst sieht er keinen Sinn darin, noch länger ohne Ziel weiterzumachen. Aber den Schritt, selbst von einer Brücke zu springen oder etwas zu tun, sein Leben zu beenden - das kann er auch nicht. Außerdem wäre er dann nur einer mehr, der Selbstmord begangen hätte; kein Geheimnis, nichts dahinter, und nach wenigen Tagen wäre er endgültig vergessen. Anders wäre es, wenn er ermordet würde. Wenn ein Auftragskiller ihn an einem öffentlichen Platz töten würde - dann würden plötzlich die Fragen auftauchen, welches dunkle Geheimnis er denn in seinem Leben so gut verbergen konnte, dass man noch nicht einmal nach seinem Tod dahinterkommt. Eine lange Zeit würde er so die Gedanken der Menschen noch beschäftigen.

Und was ist leichter, als in Kiew jemanden zu finden, der wirklich alles für einen erledigt? Ein alter Schulfreund vermittelt ihm einen Killer. Er selber braucht ihn nicht zu treffen; es genügt, wenn er ihm ein Foto und die Orte, an denen das Opfer sich aufhält, zukommen lässt. Dieser Schulfreund leiht Tolja auch das Geld, um den Killer zu bezahlen - natürlich geht er davon aus, dass dieser nicht Tolja, sondern den Liebhaber seiner Frau zur Seite schaffen soll.

Für Tolja beginnen die letzten Tage seines Lebens. Seine Frau zieht aus - zu ihrem Liebhaber. Und er streunt durch die Stadt, im erhebenden Bewusstsein: es dauert nicht mehr lange. Dann der Abend, an dem es passieren soll. Er sitzt an seinem Stammplatz, trinkt, nervös... und dann: wird er gebeten zu gehen. Weil die Kellnerin heute um eine Stunde früher Schluss machen will. Panik steigt in Tolja auf - wo bleibt sein Mörder? Doch dann die unsägliche Erleichterung: überlebt! Freudetrunken nimmt er eines der jungen Mädchen, die vor dem Kino auf Kundschaft warten, mit nach Hause, ja, erlebt fast so etwas wie Liebe. Und nun will er alles andere, aber gewiss nicht mehr sterben.

Dann kommt der Anruf. Der von ihm gedungene Mörder ruft ihn an - um sich zu entschuldigen. Er wäre sonst nie unpünktlich, aber er würde das Versäumte nachhole. Denn nun wisse er auch, wo der Mann wohne - und er wäre bereit.

Was nun? Sterben will Tolja nicht mehr. Auf die Straße traut er sich kaum noch. Also sucht er sich einen Leibwächter, der ihm den Killer vom Hals halten soll....

Nun ja. In der Kurzfassung klingt das alles ja vielleicht gar nicht so schlecht - nach einer typischen Verwechslungskomödie, wie man sie in früheren Jahren zuhauf im Fernsehen oder Kino bewundern konnte. Aber leider hält sich der Charme beim Lesen ziemlich in Grenzen; die Handlung des Buches plätschert träge vor sich hin, es gibt nie den Punkt, an dem man den Roman nicht mehr aus der Hand legen kann. Ein Klischee nach dem anderen wird aufgefahren: der melancholische Russe, die Korruption, alte und neue Verbindungen, Freunderlwirtschaft ... aber nie etwas, was man als neu, als originell betrachten könnte. Man hätte etwas machen können aus dem Stoff - ein Buch, bei dem man sich wunderbar amüsieren kann. Das ist Kurkow mit "Ein Freund des Verblichenen" aber nicht gelungen. Schade!

Andrej Kurkow

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew. Er studierte Fremdsprachen (er spricht insgesamt 11 Sprachen), arbeitete als Redakteur, Gefängniswärter, Kameramann und schrieb zahlreiche drehbücher. Seit 199 lebt er als freier Schriftsteller in Kiew und London

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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