Hanif Kureishi - Gabriels Gabe

Originaltitel: Gabriels Gift
Roman. Kindler Verlag 2001
297 Seiten, ISBN: 3463403358

Gabriels Eltern haben sich getrennt. Eines Tages, als er von der Schule nach Hause kommt, sieht er seinen Vater sämtliche Gitarren in einen Wagen laden. Seine Mutter wollte ihn nicht mehr sehen. Aber nicht nur, dass sein Vater jetzt nicht mehr bei ihnen wohnt; seine Mutter besorgt ihm auch noch ein Au-Pair-Mädchen, obwohl Gabriel bereits 15 Jahre alt ist, die ihn täglich von der Schule abholt, wie es bislang sein Vater gemacht hatte.

Normale Väter arbeiten um diese Zeit, wenn ihre Kinder Schulschluss haben. Rex aber ist Musiker und entsprechend sehr viel zu Hause. Zu viel, wie Christine findet. Sie möchte auch endlich ein geregeltes Leben führen, Geld im Haus haben, jemanden, der sich um sie kümmert. Sie fängt an, zu kellnern, andere Kleidung zu tragen, bringt abends Besuch mit nach Hause, und einer der Männer kommt immer regelmäßiger.

Aber viel mehr Sorgen macht Gabriel sich um seinen Vater. Er haust in einem heruntergekommenen möblierten Zimmer, schuldet den Leuten reihum Geld und kann sich nicht vorstellen, wie er überhaupt in diese Situation kommen konnte. Schließlich war er ja einmal fast so etwas wie ein Rockstar, war mit Lester Jones auf Tournee gewesen. Mittlerweile war der Kontakt allerdings recht einseitig geworden; nur Rex schickte immer wieder kurze Nachrichten an Lester, aber dieser antwortet nicht. Bis eben. Denn nun will Lester eine Autobiographie verfassen und braucht dazu Menschen, die seinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen. Gabriel begleitet seinen Vater; und unvermutet gerät er in ein langes Gespräch mit Lester, zeigt ihm, womit er sich beschäftigt: sein Skizzenblock, seine Kameras, seine Ideen für Filme. Er hätte Talent, bescheinigt ihm Lester, das solle er nie vergessen. Und schenkt ihm zum Abschied ein Bild, das er selber gerade gemalt hatte.

Das ist nicht das, was sich Rex von dieser Begegnung erhofft hatte, keine Rede davon, dass er wieder auf Tournee könnte, keine Chance auf einen neuen Job oder zumindest finanzielle Unterstützung. Aber dafür gibt es ein Bild; und das gedenkt er zu Geld zu machen. Es ist das erste Mal, dass Gabriel sich ganz bewusst gegen seinen Vater wehrt. Er hätte das Bild schließlich geschenkt bekommen, nicht sein Vater, argumentiert er. Aber auch seine Mutter zu Hause erhebt sofort Anspruch darauf und will es vor ihm verbergen; eine List hilft ihm aus der Affäre, er fertigt zwei Kopien an, für jedes Elternteil eine, und behält das Original. Irgendwie muss man Talent ja ausnutzen können.

Es kommt, wie es kommen muss. Sein Vater, kaum hat er das vermeintliche Originalbild in Händen, verkauft es an einen alten Freund, der mittlerweile eine Kneipe führt. Hier könne er es doch jederzeit betrachten, meint er. Aber den Vorschlag des Freundes, doch mal beim Sohn eines anderen Bekannten vorbeizugehen, weil dieser doch auch Musik mache und sein Instrument lernen möchte, lehnt er ab. Aber Gabriel nicht. So, wie ihn sein Vater einst zur Schule geschickt hatte, ihm auch geholfen hatte, als er für eine Weile in sehr schlechte Gesellschaft abgerutscht war, so übernimmt jetzt er die Verantwortung für den soviel Älteren.

Gabriel, der aufgrund seiner Pubertät eigentlich ohnehin gerade viel zu viel mit sich selbst beschäftigt ist, ändert nicht nur seinen eigenen Blick auf die Welt...

Wow. Was Hanif Kureishi mit diesem Buch geschafft hat, hätte ich ihm nach den ersten 30 Seiten gar nicht zugetraut. "Gabriels Gabe" ist ein ausgesprochen sensibler Entwicklungsroman; ein ungewöhnlicher Junge unter ungewöhnlichen Familienumständen, und in jeder Zeile spürt man auch, dass London ebenso ein Familienmitglied ist. Gabriel ist ein moderner Jugendlicher, der kifft, eine Zeitlang in ziemlich mieser Gesellschaft abgehangen hat, und der ziemlich einsam ist. Eigentlich hatte er auch einen Zwillingsbruder, der aber als Zweijähriger gestorben ist. Für ihn ist er allerdings immer noch lebendig, mit ihm hält er Zwiesprache, wenn er mit sich selbst uneins ist, wenn er die vielen Bilder in seinem Kopf ordnen will.

Anfangs hatte ich das Gefühl, auch der Autor war sich seines Themas noch nicht so ganz sicher. Aber je weiter das Buch fortschreitet, umso mehr kann man mit der Gedankenwelt Gabriels anfangen, und: man schließt diesen seltsamen Jungen in sein Herz. Seine Leidenschaft gilt dem Film, dem Bild, er malt, schreibt Drehbücher, fotografiert; als Leser ist man beim Entstehungsprozess dabei. Das ist auch eines der Geheimnisse dieses Buches; denn hier spürt man so viel Liebe und Leidenschaft zum Erzählten, dass man gar nicht anders kann, als mitten drin zu sein.

Dass zum Schluss alles gut wird, zu gut für meine Begriffe, dass plötzlich alles ein wenig zu glatt läuft, ist einer der beiden Gründe, warum es nur vier statt fünf Sterne gibt. Der zweite Grund, ich muss es leider sagen, ist die ausgesprochen fehlerhafte Ausgabe. Hans M. Herzog hat sicher wunderbar übersetzt, aber das Lektorat hat in höchstem Maße schlampig gearbeitet. Nicht nur Rechtschreibfehler findet man, viele Sätze sind unvollständig oder ergeben durch ein fehlendes Wort keinen Sinn. Man kann nur hoffen, dass der Verlag das in späteren Auflagen verbessert.

Hanif Kureishi

Hanif Kureishi, 1954 als Sohn einer Engländerin und eines Pakistani in London geboren, begann während seines Studiums, Theaterstücke und Drehbücher zu schreiben, darunter die Vorlagen zu Stephen Frears "Mein wunderbarer Waschsalon" und "Sammy und Rosie tun es."

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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