Milan Kundera - Die Unwissenheit

Originaltitel: L´Ignorance
Roman. Hanser Literatur Verlag 2001
180 Seiten, ISBN: 3596151287

In ihren ersten Jahren in Paris war Irena von "Emigrantenalpträumen" heimgesucht worden - ihr Flugzeug landet wieder in Prag, vor ihr die tschechische Polizei - oder Frauen in Bierkrügen laufen auf sie zu und lachen.

Nun sind die Grenzen wieder offen. Und Irena hört sowohl von ihren Freunden in Frankreich als auch aus der alten Heimat, dass es nun an der Zeit wäre, wieder zurückzukommen.

Keiner will ihr zuhören oder sie verstehen, wenn sie erklärt, dass ihr Leben mittlerweile längst hier stattfindet, in Paris, dass 20 Jahre eine lange Zeit sind.

Und sie versucht es, tapfer. Um dann, bei ihrem ersten Essen mit den alten Freunden, wo sie ihnen von ihren 20 Jahren erzählen will, davon, was sich geändert hat, welcher Mensch sie geworden ist plötzlich von einer Gruppe lachender Frauen mit Bierkrügen umringt zu sein.

Die Erfahrung, dass es die Zurückgelassenen nicht interessiert, wie man die Jahre ohne sie verbracht hat, sie aber davon ausgehen, dass alles, was mit den Bekannten von damals passiert ist, von immanenter Wichtigkeit für den Wiedergekommenen sein müsse, macht auch Josef. Auf dem Familiengrab findet er Namen, die er nicht vermutet hätte - und er war nicht einmal zum Begräbnis eingeladen worden. Das Familienhaus gehört nun seinem Bruder, der auch den Rest seiner Besitztümer einbehält.

Irena und Josef waren sich schon einmal begegnet, vor 20 Jahren. Für sie war diese Erinnerung immer lebendig geblieben - er hat sie vergessen, weiß das aber zu verbergen. Und sie beide können sich nun endlich erzählen, was sie all ihren Freunden nicht sagen können: was aus ihnen geworden ist, in diesen 20 Jahren in einem anderen Land.

Hier ist Milan Kundera nach seinem letzten, für mich etwas enttäuschenden Roman "Die Identität" wieder ein Meisterstück gelungen.

In gewohnt sensibler, wohlgesetzter Sprache erzählt er eine kleine Geschichte - die Odyssee der kleinen Leute des 20. Jahrhunderts. Exemplarisch für die unzähligen, die ihre Heimat verlassen mussten erzählt er von Irena und Josef, erzählt vor allem auch von dem, wonach sie sich zwar sehnen, es aber nicht wirklich erleben wollen: der Rückkehr.

Mit sehr viel Liebe zum Detail legt Kundera Zeugnis ab für seine Beobachtungsgabe; es sind nicht die großen Kränkungen, die die Rückkehr so schwer machen. Es sind die kleinen, unbeabsichtigten, gedankenlosen Rücksichtslosigkeiten.

Irenas Einsicht trifft den Punkt genau: wieder hier zu leben hieße, 20 Jahre ihres Lebens zu negieren.

Ein sehr schöner, lesenswerter Roman!

Milan Kundera

Milan Kundera wudre 1929 in Brünn / Böhmen geboren. Nach dem Krieg schlug er sich als Arbeiter und Jazzmusiker durch. 1975 ging er ins Exil nach Frankreich, wo er seither lebt und publiziert.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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