Michael Krüger - Das falsche Haus

Originaltitel: Das falsche Haus
Roman. Suhrkamp Verlag 2002
175 Seiten, ISBN: 351841349X

Schon dass er sich in Hamburg aufhält, der Ich-Erzähler dieser *unerhörten Begebenheit*, ist ungewöhnlich; über einen Kongress des Verbands der Bibliothekare soll er berichten. Und um der Gefahr zu entrinnen, auch noch den geselligen Abend mitmachen zu müssen, flüchtet er gleich nach dem letzten Vortrag und macht sich zu Fuß auf in die Stadt.

Doch dabei hat er sich wohl in der Richtung geirrt; statt in immer urbanere Gegenden vorzudringen, findet er sich in einer typischen Vorstadt, die völlig unbelebt erscheint. Kein Spaziergänger, keine Gastwirtschaft, kein Laden - nichts. Nur einen Fußball spielenden Jungen erblickt er, dessen Ball auf die Straße kullert. Reflexartig will er ihn zurückkicken - doch diese Fähigkeiten sind lange nicht mehr genutzt worden. Der Ball prallt an einer Autoscheibe ab, hinterlässt schmierige Flecken auf seinem Hemd.

Er wird ins Haus gebeten, eine Dusche wird ihm offeriert, ein frisches Hemd, und kurz darauf sieht er sich in der Rolle des Babysitters wieder, da die Dame des Hauses kurz wegzufahren wünscht.
Doch damit ist es nicht getan: im Handumdrehen wird aus der unerwarteten Abendbeschäftigung ein Drama, das ihn mitten in die Familienintrigen katapultiert - und zu allem Überfluss auch noch Bezüge zu seinen Forschungen findet, die von jesuitischen Reduktionen, den ersten Versuchen eines religiösen Kommunismus in Lateinamerika, führen...

Das klingt nicht nur wirr und sehr konstruiert - die Novelle ist auch wirr, die Zufälle, die von einem Handlungssprung zum nächsten führen, werden immer paradoxer. Entwirft Krüger zu Beginn noch ein Szenario, das man am ehesten vielleicht noch mit den Auster´schen Zufallsverkettungen vergleichen kann, vermag er es doch nicht wie sein amerikanischer Kollege so souverän mit Leben zu füllen. Was bei Auster lakonisch und selbstverständlich wirkt, haftet bei Krüger doch zu sehr an der deutschen Erzähltradition, um diese Leichtigkeit nachempfinden zu können.

Dabei überzeugt der Autor zwischendurch immer wieder durch essayistische Passagen über die Freuden der Ziel- und Erfolglosigkeit, über die Verweigerungshaltung der gemeinen Welt gegenüber. Das liest sich intelligent und vergnüglich, besticht durch treffsichere Argumentation und einen amüsiert-gelangweilten Tonfall.

Diese Anmerkungen würde ich auch weiterhin gerne lesen - doch sind sie in meinen Augen im Feuilleton einer Zeitung besser aufgehoben als in einer Novelle, einem Roman, dessen Grundgerüst auch diese leichtfüßigen Passagen nicht zu tragen vermag.

Michael Krüger

Michael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf, Sachsen, lebt als Verleger (Hanser Verlag) und Schriftsteller in München. Herausgeber der "Akzente" und der "Edition Akzente".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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