Kristof Magnusson - Das war ich nicht

Originaltitel: Das war ich nicht
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2010
288 Seiten, ISBN: 3888975824

Henry LaMarck ist Bestsellerautor, und alle Welt - vor allem sein Verlag - wartet auf den neuen, den Jahrhundertroman aus seiner Feder. Außerdem ist er gerade 60 geworden und zum zweiten Mal für den Pulitzer nominiert. Lauter Gründe zum Feiern also - nur hat er leider den großen Roman, den alle von ihm erwarten, noch nicht einmal begonnen. Als er daher nichtsahnend zu einem Termin mit seiner Verlegerin kommt und mit einer Überraschungsparty überfallen wird, haut er einfach ab. Weg. Mietet sich - ganz ohne Gepäck - in einem Hotelzimmer ein und wartet in einer Mischung aus Empörung und Hoffnung darauf, dass er gefunden wird.

Zu den Menschen, die dringend auf LaMarcks neuen Roman warten, zählt auch Meike. Meike ist Übersetzerin, LaMarck ihr erster großer Autor, davor gab es nur Hausfrauenpornos. Außerdem ist sie gerade überstürzt von ihrem Freund weggezogen, hat sich ein Haus hinterm Deich gekauft, das desolat und baufällig und trotzdem weit über ihren finanziellen Verhältnissen ist. Und außerdem will sie weg von den erfolgreichen Leben der anderen, ihrer Freunde, die es geschafft haben, die Familie haben, nur noch Bio essen, und Himalayasalz in einer Salzmühle mit Peugeot-Mahlwerk als das einzig wahre betrachten.

Als dritter in diesem Bunde gibt es noch Jasper, der vor einigen Jahren aus Deutschland nach Chicago gezogen ist, um dort in der Bank Karriere zu machen. Eine Karriere als Broker, immer am Ball, als Rockstar der Szene, nur ohne Groupies, wie er es selbst bezeichnet. Dass diese Arbeit keine Zeit lässt, um noch Kontakt zu Freunden zu halten, bzw. sie hier überhaupt erst kennen zu lernen, wird billigend in Kauf genommen.

Ausgerechnet von diesem Jasper erscheint am nächsten Tag ein Bild in der Zeitung, als er gerade - fallende Aktienmärkte im Hintergrund - völlig fertig ins Leere blickt. Dass er selbst es nicht gemerkt hat, dass er fotografiert wurde, hilft ihm dabei wenig - das Bild hängt in der Bank gleich neben der Kaffeemaschine. Doch auch Henry LaMarck sieht das Bild und ist elektrisiert. Dieser Mann, das spürt er, könnte seine Inspiration sein, seine Muse. Das Logo im Hintergrund des Bildes erkennt er - seine Bank! Ein Zeichen. Und so wartet er vor dem Eingang der Bank darauf, dass dieser junge Mann daraus hervortritt, auch wenn er sich selbst der Lächerlichkeit seines Unterfangens wohl bewusst ist.

Mit ihm wartet Meike. Die ist nämlich kurzerhand nach Chicago geflogen, um ihrerseits LaMarck zu suchen, was ihr auch sofort gelingt, schließlich kennt sie die Lielbingsplätze des Autors aus dessen Büchern. Allerdings hatte sie sich vorher nicht überlegt, wie sie ihm gegenübertreten sollte, und so folgt sie ihm kurzerhand durch die Stadt - und nun eben vor die Bank und dann hinein in ein Cafe, in dem der Autor plötzlich verschwindet. Anstatt aber mit ihrem Idol in Kontakt zu treten, lernt sie einen dieser fürchterlichen Banker mit Schlips und Blackberry kennen - der sie offensichtlich anbaggern will, und ihr kurzerhand sein Blackberry in die Tasche steckt, um sie in Chicago erreichen zu können. Dass dieser Banker natürlich Jasper ist, ist schon aufgrund der Logik des Buches eine zwingende Notwendigkeit.

Nun beginnt der Schneeball sich zu drehen. Henry sucht Jasper, Jasper Meike, und Meike wiederum Henry. Während Meike und Henry aber mit ihren eigenen Problemchen beschäftigt sind, braut sich über Jasper etwas viel Größeres zusammen. Eigentlich hatte er nur einem Kollegen, der Mist gebaut hatte, etwas helfen wollen. Einen Verlust auf seine Kappe nehmen, das Konto wieder ausgleichen. Aber dann war der Gewinn so hoch ausgefallen, dass es aufgefallen wäre. Und die Aktion, die den Gewinn eindämmen sollte, führte wiederum zu Verlusten, die, je mehr er den Schaden beheben wollte, nur noch größer wurde. Die ganze Absurdität des Handels mit Aktien und Obligationen, mit Wetten auf fallende oder steigende Kurse, wird durch dieses immer größer werdende Chaos klar. Und am Ende bricht alles zusammen - und doch auch wieder nicht…

Auch wenn es etliche Passagen in diesem Buch gibt, die ich als sehr gelungen und vor allem amüsant empfand - für einen ganzen Roman hat das Wohlwollen bei mir nicht ausgereicht. Ich kenne den Autor bereits von seinem ersten Roman, der mir sehr vielversprechend erschien, aber noch etliche Mängel hatte. Auch in diesem Buch erscheint er mir als vielversprechender Autor, der sich eines aktuellen Themas, des Bankencrahss, angenommen hat, und drumherum eine etwas überdrehte Handlung gebastelt hat. Mich hat daran vor allem gestört, dass dieses Dreiecksverhältnis eben so arg konstruiert und insgesamt dann auch wieder so vorhersehbar war. Ein bisschen weniger auf Effekt bedacht, ein bisschen ernsthafter mit dem Thema und auch den Protagonisten umgegangen, und ich hätte deutlich mehr Freude an diesem Buch gehabt.

So bleibt bei mir eine leise Enttäuschung zurück - ich hatte mir von diesem Autor mehr erhofft, die gelungenen Passagen reichen in meinen Augen eher für Erzählungen als einen Roman.

Kristof Magnusson

Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Lite­ra­turinstitut Leipzig. Lebt als Autor und Übersetzer aus dem Isländischen in Berlin. Seine Komödie »Männerhort« lief an über 30 Theatern im In- und Ausland, unter anderem in Berlin mit Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka. Sein Debütroman »Zuhause« (Kunstmann 2005) wurde 2006 mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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