Kathrine Kressmann Taylor - Adressat unbekannt

Originaltitel: Adress Unknown
Roman. Rowohlt Verlag 2000
57 Seiten, ISBN: 3499230933

Es gab eine Zeit, da waren Martin und Max die besten Freunde. Betrieben gemeinsam eine Galerie in San Francisco, Max war häufiger und gerngesehener Gast in Martins Familie. Und auch als Martin sich entschließt, mit Frau und Kindern nach Deutschland zurückzukehren, tut das der Freundschaft keinen Abbruch; man schreibt sich lange, herzliche Briefe, erzählt gegenseitig, was im Alltag so passiert.

Martin ist nach der langen Abwesenheit erstaunt ob der Armut, die in Deutschland herrscht; mit dem Geld, das er nach wie vor aus der Galerie erhält, kann er sich hier regelrechten Luxus gönnen.

Aber bald schon beginnt sich ein anderer Ton in seine Briefe zu schleichen. Hitler hat die Macht in Deutschland übernommen. Und auch wenn Martin erst noch skeptisch ist - bald schon ist auch in seinen Briefen von Rassenreinheit die Rede, von der Gefahr, die von den Juden ausginge. Und dass er doch Max immer trotzdem geschätzt hatte. Aber nun möge er ihm doch bitte nicht mehr schreiben; eine Bekanntschaft mit ihm könnte sich negativ auf die neue Karriere auswirken, die er für sich ins Auge gefasst hatte.

Auch auf die Bitte, doch Max´ Schwester zu helfen, die in Berlin verfolgt und verschwunden war, reagiert er nicht; und als Max realisiert, welche Schuld Martin völlig ungerührt auf sich geladen hatte, beginnt er, sich zu rächen...

Bevor dieses schmale Büchlein als Taschenbuch herausgegeben wurde, hatte ich schon von vielen Seiten sehr erschütterte Berichte über dieses einzigartige Zeugnis wider den Nationalsozialismus gelesen und gehört.

Nun - so ganz kann ich mich dem nicht anschließen. Ja, es ist sehr traurig, mitzuverfolgen, wie eine Freundschaft unter diesen politischen Einflüssen zerbricht, wie rasch ein Mensch imstande ist, sämtliche früher gepflegten moralischen Grundsätze über Bord zu werfen. So wird es wohl auch wirklich vielen Deutschen in dieser Zeit ergangen sein - leicht verführt, berauscht von der neuen Macht und ihren Möglichkeiten.

Gerade, wenn man sich mit der Problematik bislang wenig auseinandergesetzt hat, vermag das Büchlein bestimmt aufzurütteln, zum Nachdenken anzuregen und ist somit wichtig. Auf mich hatte es diese erschütternde Wirkung nicht in so großem Maße. Zu diesem Thema habe ich einfach schon Bücher gelesen, die mich wirklich nächtelang beschäftigt haben; dazu fehlte diesem Bändchen hier die Authentizität, war es zu "amerikanisch", also für den Leser geschrieben, der es gerne deutlich hat.

Dennoch: es gibt ein Zeugnis ab davon, was schon in den Anfangszeiten in Deutschland passiert ist; und gerade für Schüler (aber selbstverständlich nicht nur) halte ich es für eine lohnende Lektüre.

Kathrine Kressmann Taylor

Kressman Taylor, von Beruf Werbetexterin und Mutter von zwei Kindern, veröffentlichte neben "Adressat unbekannt" Mitte der Dreißiger Jahre noch einen Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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