Helmut Krausser - Melodien

Originaltitel: Melodien
Roman. Rowohlt Verlag 2002
839 Seiten, ISBN: 3499233800

Eine Verwechslung, nur eine simple Namensverwechslung in einer kleinen italienischen Pension hatte Täubner die ganze Geschichte eingebrockt. Die Glückwunschkarte und die zwei Dias mit den seltsamen Zahlenquadraten darin hatten ihn nicht weiter interessiert, achtlos hatte er sie eingesteckt und wollte sie morgens dem Portier geben, um festzustellen, dass der eigentliche Adressat längst abgereist war.

Abgereist war dann auch Täubner, zurück nach Hause, zu der einen Frau, die er liebte - und die ihn verlassen hatte. Statt sich aber in seinem Schmerz suhlen zu können, musste er sich mit Professor Krantz auseinandersetzen, der partout diese beiden Dias wiederhaben wollte, die Täubner unaufmerksamerweise im Zug hatte liegen lassen. Was denn so wichtiges darauf zu sehen wäre?

Vielleicht - mit viel Glück - eine der Melodien, die im Mittelalter geschrieben wurden, die so mächtig waren, dass sie vom Vatikan verboten wurden. Und weil Täubner gerade nichts besseres zu tun hatte, bekam er von Professor Krantz die ganze Geschichte erzählt.

Ende des fünfzehnten / Anfang des sechzehnten Jahrhunderts war das Leben für die Gelehrten nicht gerade einfach; was sie entdeckten, konnte ihnen den Scheiterhaufen einbringen, und das, was die Herrschenden von ihnen wollten - Gold - war mit noch so viel Magie nicht machbar. Es war ein Zeitalter der Unruhe, der geistigen Weiterentwicklung, die von oben tunlichst gebremst werden sollte. Nach langen Irrungen (die rund 200 reichlich zähe Seiten des Buches umfassen) hatte Castiglio es geschafft, sich einen sicheren Hort bei einem eitlen, aber ungebildeten Adeligen zu verschaffen, dort seine Forschungen zu betreiben, unterstützt von einem der Bastarde des Herzogs, der ihm als Hausknecht zur Verfügung gestellt worden war. Alchemie, weiße Magie - nichts davon zeigte die erhoffte Wirkung. Die schöne Stimme des Lehrlings erinnerte Castiglio an eine Vision, die er einst hatte: an eine Melodie, so mächtig, dass sie Menschen beeinflussen könnte.

Auf die Suche nach dieser Melodie geht er jetzt auf wissenschaftliche Weise; Liebe, Leid, Hass, Neid, Leidenschaft, alles untersucht er akribisch genau auf die Töne, die dabei zu vernehmen sind, lauscht, macht auch vor den letzten Atemzügen einer Toten nicht halt. Das bleibt in der Bevölkerung nicht unbemerkt; ohnehin schon misstrauisch beäugt, schaffen Castiglio und Andrea sich nun Feinde, und als ihre erste Darbietung der Melodien misslingt, gelingt es ihnen gerade noch, zu fliehen.

Ein Kloster bietet ihnen Zuflucht; und hier, in dieser Abgeschiedenheit, gelingt Castiglio, was er schon nicht mehr zu träumen wagte: er findet seine Melodien, wird aber auch aus diesem Kloster wieder verjagt. Andrea erlernt sie noch, erfährt von den großen Plänen seines Meisters, in geheimen Zellen das ganze Land mit Eingeweihten zu überziehen, um dann die Macht zu übernehmen und für eine bessere Welt zu sorgen - doch dann wird Castiglio von Räubern im Wald erschlagen.

Andrea hat nicht mehr als diese Melodien, als er in der Stadt ankommt; er singt, erst, um Unterschlupf zu finden, und dann, um einer armen Kreatur zu helfen. Doch bald schon hat sich die Kraft seiner Melodien herumgesprochen, er wird zur Gefahr, wird gehenkt - und kann nur noch ein paar der Melodien kurz gekritzelt dem Abt des Klosters übergeben.

Verschollen sind sie dann für lange Zeit, diese Melodien - ganz verschwunden, wie die meisten glaubten, die die Legende von Andrea nur noch für ein Märchen hielten, einen Mythos. Die Suche danach hörte aber nicht auf, und so tauchten sie hundert Jahre später wieder auf - in den Werken der großen Komponisten dieser Zeit...

.. und bis heute sind sie nicht wieder im Originalzustand aufzutreiben gewesen. Bis heute. Aber wenn es nach Professor Krantz und seinen Rivalen geht, dann werden sie irgendwann fündig - die Vorzeichen stehen günstig. So sieht sich Täubner plötzlich in einen irrwitzigen Wettlauf mit der Zeit verwickelt, der ihm den Verstand raubt...

Dass ich keine historischen Romane mag, ist regelmäßigen Besuchern der LESELUST wahrscheinlich hinlänglich bekannt. Dass mir dieser dicke Schmöker, der vorwiegend im Mittelalter spielt, zum überwiegenden Teil sehr gut gefallen hat, spricht also eine deutliche Sprache.

Wenn man erst die umständliche, langatmige Einführung in Castiglios Werdegang hinter sich hat, dann wird man allerdings mit einer prallen, üppigen Geschichte erzählt, die einen unweigerlich in seinen Bann zieht. Intrigen, das Leben am Hof, Kirche, Verbote und Geheimnisse, Kastraten, die ersten Opern, das alles wird mit so viel Elan, Hintergrundwissen und Spannung vermittelt, dass man vor allem eines will: diese Melodien hören, von denen andauernd die Rede ist. Einige der Werke, in die sie angeblich eingebaut wurden, sind uns auch bekannt: das Misere von Allegri zum Beispiel.

Was mich persönlich dann genervt hat war die Parallelhandlung in der heutigen Zeit. Diese Unterbrechungen des Erzählflusses, die Abhandlungen über Kunst, vor allem die Dialoge! haben mich gelangweilt und verärgert. Diese hysterische Suche wäre nicht nötig gewesen, um dem Buch Schwung zu geben - den hatte diese Geschichte schon von ganz alleine.

Etwas Geduld sollte man für diese Schwarte schon mitbringen - aber wenn man auch nur ein wenig an sakraler Musik interessiert ist, dann ist dieses Buch eigentlich ein Muss.

Helmut Krausser

Helmut Krausser, geboren 1964 in Esslingen, schrieb Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Tagebücher, Gedichte und Opernlibretti. Er lebt in München.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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