Klaus Modick - Vierundzwanzig Türen

Originaltitel:
Roman. Eichborn Verlag 2000
247 Seiten, ISBN: 3821861339

Mit dreizehn und fast fünfzehn ist man für so kindische Rituale wie einen Adventskalender eigentlich schon viel zu alt. Nur den Eltern zuliebe, so sagen sie es zumindest, erbarmen sich die Töchter dann und öffnen die erste Tür des Kalenders. Der ist diesmal allerdings etwas ganz Besonderes und schon, wie Stacy, ihre Mutter, an ihn gekommen ist, ist eine sonderbare Geschichte. Geschenkt hat sie ihn bekommen, von einem reizenden alten Herrn, der in einer verwunschenen Stadtvilla lebe…

Auch den Autor und Ich-Erzähler selbst fasziniert dieser Kalender. Die Bilder sind gezeichnet, kunstfertig, und zeigen Dinge, die in ihm Erinnerungen aufwühlen, die weit zurückliegen. Mit Weihnachten haben sie allerdings erstmal wenig zu tun; ein Paar Schuhe, ein Kerzenhalter, ganz alltäglich sind die Gegenstände, die hier abgebildet sind.

Es verbirgt sich eine Geschichte dahinter - der Leser darf sie jeweils am passenden Tag dazu lesen, der Autor selbst trifft den Künstler, der diese Zeichnungen gemacht hat, erst kurz vor Weihnachten und erhält von ihm die niedergeschriebene Erzählung zu den einzelnen Bildern.

Sie handelt vom ersten Nachkriegsweihnachten, 1946, in Oldenburg. Die Not ist groß, die Stadt zerbombt, Wohnraum ist knapp. Lebensmittel sind ohnehin Mangelware, außer, man weiß sie sich auf dem Schwarzmarkt zu beschaffen. Das planen auch die drei Männer, die in Oldenburg einen Kunstraub begehen, die Bilder gegen Zigaretten und diese dann gegen Lebensmittel eintauschen. Auf dem Schwarzmarkt müsste damit, so kurz vor Weihnachten, ein Vermögen zu machen sein - oder doch zumindest genug, um wieder eine Weile das Überleben gesichert zu haben.

Doch auf dem Rückweg geraten die drei in einen schrecklichen Schneesturm - ein Vorankommen ist nicht mehr möglich. Mit letzter Kraft schleppen sie sich zu einem Hof, in dessen Fenster sie Licht brennen sehen. Erwünscht sind sie dort erstmal nicht - die Frau, Maria, ist offensichtlich hochschwanger, der Arzt hat keine Chance, bei dem Wetter rechtzeitig zu kommen, falls es losgehen sollte. Und natürlich geschieht das auch …

Parallel dazu erzählt der Autor einerseits die gegenwärtige Geschichte seiner Familie, ein Weihnachten um 2000 rum, mit Kindern, die ganz unbedarft riesige Wünsche äußern, ohne sich der Not bewusst zu sein, die doch erst 50 Jahre vorher hier so bitterlich geherrscht hat.

Gleichzeitig ist es eine Zeitreise in die Kindheitserinnerungen Klaus Modicks; er ist in den fünfzigern in Oldenburg aufgewachsen, hat die Briten als Besatzungsmacht erlebt, und gleichzeitig auch den Aufschwung, das Wirtschaftswunderland.

Diese drei Zeitebenen werden immer wieder aufs Neue miteinander vermengt; am Interessantesten daran fand ich für mich dabei den autobiographischen Anteil, also das, was Klaus Modick aus eigener Anschauung kennen müsste. Diese Passagen sind unprätentiös geschildert, ich hatte beim Lesen den Eindruck, mir würde aus dieser Zeit erzählt.

Auch die eigentliche Adventskalendergeschichte, die im Nachkriegswinter spielt, hat in mancher Hinsicht ihre Stärken. Ich fand zwar gerade die Geschichte mit Maria (!) und ihrem neugeborenen Kind am Weihnachtsabend ein wenig dick aufgetragen, aber insgesamt ist es ein schöner Einblick in eine noch gar nicht so lange vergangene Zeit und die große Not.

Aber was mich beim Lesen fast schon geärgert hat waren die Gegenwartssequenzen. Schon die Faszination für den Adventskalender, den die ganze Familie angeblich teilt, wirkt sehr aufgesetzt; dazu biedert sich der Autor sprachlich immer wieder an die Jugendsprache,die seine Kinder verwenden, an. Dass er hingegen durch die Bilder, durch die erzähle Geschichte für seinen eigenen Vortrag über Kindheit in Oldenburg inspiriert wurde, ist gut dargestellt und auch nachvollziehbar. Ansonsten hätte ich auf diesen Part eigentlich ganz gut verzichten können.

Dieses Buch wurde mir mal empfohlen als eines, das man in jedem Advent wieder lesen will; es sei so weihnachtlich und durch die Unterteilung in vierundzwanzig Kapitel auch so passend. Ich kann mir vorstellen, dass die lebendigen Schilderungen der 40er und 50er Jahre hier gerade für Menschen, die es auch selbst erlebt haben, in einer Jahreszeit, da man gerne ein wenig nostalgisch wird, ihren Zweck gut erfüllen. Aber mich spricht die Erzählweise nicht so richtig an, was aber in großem Umfang der Einbettung in die Gegenwartshandlung und die darin enthaltenen postmodernen Spielereien geschuldet ist.

Klaus Modick

Klaus Modick, 1951 in Oldenburg geboren, wurde für sein umfangreiches Werk mehrfach ausgezeichnet. Er ist auch als Übersetzer aus dem Englischen aufgetreten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.12.2010 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing