Laurie R. King - Die Farbe des Todes

Originaltitel: A Grave Talent
Roman. Rowohlt Verlag 1996
328 Seiten, ISBN: 3499222043

Dass es nicht rechtens ist zu wildern, ist Thommy sehr wohl bewusst. Aber dass er deswegen auf einen so grausigen Fund stoßen würde hatte er nicht verdient. Ein kleines Mädchen - oder besser gesagt: das, was die Tiere von ihr übrig gelassen hatten.

Wenige Wochen später wird im selben Gebiet erneut ein kleines Mädchen tot aufgefunden. Optisch dem ersten ermordeten Kind wie aus dem Gesicht geschnitten, stellt sich erneut die Frage: Wer hatte Zugang zu diesem abgelegenen Flecken Erde? Denn Tylers Creek und Tylers Street sind im Privatbesitz - die Menschen, die hier leben, verzichten auf Telefon und Strom, die Straße ist nur an wenigen Tagen der Woche befahrbar, und um überhaupt hierher fahren zu können, benötigt man den Schlüssel zur Straße. Eine feudalistische Gemeinschaft - hier braucht man keine Papiere, keine Sozialversicherungsnummer, nur das Einverständnis der anderen Bewohner, um hier zu leben.

Dass Kate Martinelli zu diesem Fall dazugezogen wird, führt sie hauptsächlich auf die Tatsache zurück, dass man bei einem Fall mit Kindern gerne eine repräsentative Frau braucht; als würde dadurch automatisch gewährleistet, dass der Fall mit dem nötigen Feingefühl behandelt wird. Ihr Vorgesetzter, Al Hawkins, ist auch wirklich nicht begeistert davon, eine so unerfahrene Kollegin bei einem derart unangenehmen Fall zur Seite gestellt zu bekommen.

Gemeinsam beginnen sie, die Bewohner der seltsamen Gemeinschaft am Tylers Creek unter die Lupe zu nehmen. Und schon kurz darauf werden sie fündig: eine der Bewohnerinnen, Vaun Adams, hat bereits eine langjährige Haftstrafe verbüßt. Und zwar wegen Mordes an einem kleinen Mädchen. Als dann noch ein Kinderring und Mädchenhaar in ihrem Wagen gefunden wird, scheint der Fall klar.

In einer sturmgepeitschten Nacht riskiert Kate ihr eigenes Leben, um weitere Greuel zu verhindern. Aber als sie am Haus von Vaun Adams ankommt, muss sie zu ihrem Schrecken entdecken, dass die Frau Selbstmord begangen hat. Oder dass zumindest irgendjemand es so aussehen lassen wollte. Ein paar Kleinigkeiten sind es nur, die Kate stutzig werden lassen - und die sie dann auch an der Schuld der Frau zweifeln lassen. Und je weiter sie bohrt, um so weniger kann sie glauben, dass diese Frau den Mord begangen haben soll, den sie schon vor Jahren verbüßt hat...

Dieser Krimi, das gleich vorweg, liest sich gut und spannend, hat heitere und tragische Momente zu bieten und schafft es durch unverhoffte Wendungen immer wieder, den Leser in Atem zu halten. Nur einen Fehler sollte man nach Möglichkeit nicht begehen: sich nach dem Zuschlagen des Buches noch Gedanken über die Schlüssigkeit der einzelnen Motive zu machen.

Da wird es dann nämlich etwas haarig; da bleiben plötzlich viele Fäden, die irgendwann gesponnen wurden, unverknotet im leeren Raum zurück. Die psychologische Motivation des großen Show-Downs inklusive Schusswechsel und dramatischen Treffern wird mir wohl immer verschlossen bleiben.

Auch die Notwendigkeit der vielen großflächigen Verletzungen, die Kate bei ihrem vollblütigen Einsatz erbringt, haben auf mich eher die Wirkung, kritisch und distanziert zu bleiben, anstatt der Heldin mein innigstes Mitfiebern zu widmen.

Spannend und gut lesbar, aber mit Abzügen; das ist mein Fazit zu diesem Krimi.

Laurie R. King

Laurie R. King wuchs in San Francisco auf und lebt heute mit ihrer Familie in Watsonville, Kalifornien.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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