Alona Kimhi - Die weinende Susannah

Originaltitel: Susannah Ha-Bochiah
Roman. Hanser Literatur Verlag 2002
443 Seiten, ISBN: 3446202145

Mit 33 steht man gemeinhin mitten im Leben, verdient sich seinen Lebensunterhalt selbst, hat Freunde, ein eigenes Leben - doch nichts davon trifft auf Susannah Rabin (nein, keine Verwandte von... ) zu. Sie wohnt immer noch bei ihrer Mutter - und wäre ohne sie auch verloren. Wer, außer dieser ihr so nahestehenden Frau, könnte denn mit Susannahs vielen Ängsten umgehen? Wer könnte sie trösten, beruhigen, sie vor dem Unbill der Welt abschirmen?

Doch als Susannahs Cousin sich als Langzeitgast in der Wohnung einquartiert, hat es ein Ende mit der Beschaulichkeit. Nicht nur, dass alleine seine Anwesenheit an sich schon einen immensen Störfaktor für Susannah darstellt; er verbündet sich auch noch mit ihrer Mutter und nimmt sie mit nach draußen, mit in die Welt. Und wenn sie vor seinen Augen einen Heulkrampf bekommt, bringt er sie eher durch die Verachtung in seiner Stimme zum Schweigen statt sie zu trösten.

Wenn sie ihn nicht hassen kann, muss sie sich verlieben - und was man schon voraussehen konnte, passiert auch: Susannah verliebt sich unsterblich in diesen gutaussehenden Verwandten. Dass sie sich damit ausgerechnet einen unzuverlässigen Mann ausgesucht hat, der ständig in irgendwelche krummen Machenschaften verwickelt ist, der sie zudem nicht wiederliebt - was kümmert es sie! Doch eines Abends ist er fort...

Gerade zu Beginn des Buches kreist die Erzählung fast krankhaft um das Innenleben der Erzählerin, um Susannah. Die Gedankengänge eines Menschen zu leben, der sich selbst hasst, der von der eigenen Körperlichkeit zutiefst abgestoßen ist und sich vor unendlich vielen Details an den Mitmenschen ekelt, ist ausgesprochen anstrengend zu lesen und versetzt nicht gerade in gute Laune. Die Litanei der Ekligkeiten wird dann auch mit masochistischem Genuss über weite Strecken ausgewalzt, so dass man als Leser ebenfalls Übelkeit in sich aufsteigen spürt. Ich war mehrmals nahe dran, das Buch angelesen ins Regal zurückzustellen und nie wieder eine Zeile darin zu lesen, weil ich weder diese Schilderungen noch die schreckliche Weinerlichkeit der Hauptperson länger zu ertragen glaubte.

Aber dann, mitten unter dieser Suade von Selbsterniedrigung, findet man messerscharfe Beobachtungen, die so genau den Punkt treffen, das man die betreffenden Passagen mehrmals liest, um sich kein Wort davon entgehen zu lassen.

Dass zu diesen Passagen gerade auch die Streitgespräche von Susannahs Mutter mit ihren Freunden gehören, die zum Teil recht kontroverse Ansichten zur politischen Lage von sich geben, macht natürlich den ganz besonderen Reiz dieses Buches aus.

Und plötzlich, fast am Ende des Buches, musste ich zu meiner eigenen Überraschung feststellen: Ja, sie hat es geschafft, die Autorin. Sie hat mich am Haken, sie hat mit ihrer Sprachgewalt ein Bild für mich entworfen, das mich geradezu körperlich berührt, hat geschafft, dass ich mich ereifere, mich ärgere, Susannah schütteln möchte, dem Charme des gutaussehenden Cousins fast ebenso erliege... kurzum: sie hat ein großartiges Buch geschrieben!

Alona Kimhi

Alona Kimhi wurde 1966 in der UdSSR geboren und emigrierte 1972 mit ihrer Familie nach Israel. Sie war zunächst Schauspielerin, wandte sich dann dem Schreiben zu und veröffentlichte eine Sammlung mit Kurzgeshcichten und den vorliegenden Roman, der ein Bestseller wurde und den Bernstein Award erhielt. Alona Kimhi lebt in Tel Aviv.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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