Yasmina Khadra - Die Schwalben von Kabul

Originaltitel: Les hirondelles de Kaboul
Roman. Aufbau Verlag 2003
158 Seiten, ISBN: 3351029683

Kabul, Taliban - diese Schlagworte konnte man in den vergangenen beiden Jahren recht häufig in den Medien vernehmen. Wie es sich anfühlt, unter der Herrschaft der Taliban im zerstörten Kabul zu leben können aber auch Fernsehdokumentationen nur schwer vermitteln - vielleicht schafft dieses Buch es, eine kleine Ahnung von der permanenten Unterdrückung zu vermitteln.

Atik Shaukat ist Gelegenheits-Gefängniswärter in Kabul; immer wieder beaufsichtigt er für wenige Tage die Frauen, die hier auf ihr Todesurteil warten. Diesmal soll eine Prostituierte gesteinigt werden.

Unter den Zuschauern, die sich mit den extra herangekarrten Steinen bewaffnen ist auch Mohsen Ramat. Auch er wirft, trifft die verhüllte Frau am Kopf - und ist fassungslos, wie es mit ihm so weit kommen konnte, ausgerechnet mit ihm, der sich immer für einen Pazifisten gehalten hatte! Als er nach Stunden verzweifelt zu Hause ankommt erzählt er seiner Frau Zunaira von seinem Vergehen. Vor der Machtergreifung der Taliban war Zunaira als Rechtsanwältin tätig, hatte sich für Emanzipation eingesetzt und durfte nun nicht mehr arbeiten, nicht mal mehr ohne Tschadri das Haus verlassen. Es entsetzt sie, mitanzusehen, was aus ihrem Mann zu werden droht, seit er beschäftigungslos und hungrig durch die zerstörten Straßen Kabuls streunt.

Von einem gemütlichen Zuhause ist auch Atik weit entfernt; seine Frau leidet an einer schweren Krankheit, ist nur noch selten in der Lage, sich um den Haushalt zu kümmern - und er findet für sie keine Linderung ihrer Schmerzen, kein Arzt kann ihr helfen. Freunde aus Kindheitstagen sehen ihm seinen Gemütszustand an; sie haben sich mit dem Regime arrangiert und verstehen nicht, warum nicht auch er einfach mitmacht, um sich ein gutes Leben zu sichern. Dass er seine kranke Frau, die doch ihre ehelichen Pflichten nicht mehr erfüllen kann, noch nicht längst verstoßen hat, stößt ebenfalls auf Befremden.

Wie in alten Tagen versuchen Mohsen und Zunaira einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, obwohl Zunaira lange dazu überredet werden muss. Es ist kein Schlendern wie früher, nebeneinander, untergehakt - Berührungen in der Öffentlichkeit sind verboten, von ihr darf nichts zu sehen sein. Ein leises gemeinsames Lachen reicht aus - und schon sind sie umringt von Milizionären, die auf sie einschlagen, sie beschimpfen. Und Mohsen? Er nimmt es hin, lässt zu, dass Zunaira stundenlang in der glühenden Hitze auf ihn warten muss, wehrt sich nicht - und zerbricht damit das letzte Band...

Die große Stärke dieses Buches liegt in den Schilderungen der Lebensumstände zu Beginn; die zerstörte Stadt, das Wissen darum, wie sie einmal ausgesehen hat, der Vergleich - das lässt eine Ahnung davon entstehen, was Krieg und Gewaltregime angerichtet haben. Durch die Gespräche zwischen Atiq und den Männern lässt sich erahnen, welchen Stellenwert die Frau in dieser Gesellschaft einnimmt - und inwieweit diese überall vorherrschende Meinung auch auf die Menschen abfärbt, die wie Moshen eigentlich noch ein Gewissen habe. Doch als seine Frau sich ihm widersetzt, stellt auch er nachdrücklich klar, dass ihm, und ihm allein, Recht zusteht.

Die Dramatisierung der Geschichte im letzten Drittel, die die beiden Handlungsfäden verknüpft, hat mich dagegen dann weniger überzeugt; den Horror, in einem totalitärem Regime zu leben, konnte der Autor vermitteln.

Yasmina Khadra

Yasima Khadra ist das Pseudonym von Mohammed Moulessehoul. Der 1955 geborene Autor war bis vor kurzem hoher Offizier der algerischen Armee. Wegen der strengen Zensurbestimmungen erschienen seine Kriminalromane mit Kommissar Llob unter Pseudonym. Erst nachdem er im Dezember 2000 mit seiner Familie ins Exil nach Frankreich gegangen war, konnte er das Geheimnis um seine Identität lüften.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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