Alison L. Kennedy - Hat nichts zu tun mit Liebe

Originaltitel: --
Roman. Wagenbach Verlag 2003
136 Seiten, ISBN: 3803124638

Die Titelgeschichte zeigt die programmatische Ausrichtung des Textbandes wieder: Bei einer Beerdigung trifft ein ehemaliges Paar aufeinander. Dass dieses Zusammentreffen nicht zufällig war, wird bald darauf klar - eigentlich sind sie beide nur hier, um festzustellen, wie der andere darauf reagieren würde. Ob es ihn stören würde, sie zu sehen, ob sie es aushalten würde, zu merken, dass es ihm nicht schlecht ergangen war; spüren, welche Wirkung man noch aufeinander ausübt, auch wenn diese Wirkung zerstörerisch ist und zumindest peinliche Auswirkungen hat.

"Fallen lernen" ist die Geschichte zwischen zwei Menschen, die sich eigentlich gar nicht meinen - sondern das Gefühl, auf jemanden zu warten, nach einem Anruf ins Taxi zu springen, sich schön zu machen, das Flattern zu verspüren...

"Die liebe Familie" fällt in diesem Zusammenhang aus dem Rahmen. Es ist der Brief einer Mutter an die Tochter, in dem sie ihr erklärt, wie es eigentlich kommt, dass sie nicht mit ihrem leiblichen Vater zusammenleben. Klingt harmlos - ist es aber nicht. Erst war er - der Mann, den sie nun Vater nannte - nur hin und wieder vorbeigekommen, um etwas zu reparieren. Das hatte er auch in anderen Häusern in der Nachbarschaft gemacht. Rundherum wohlgelitten - doch mit einem blutigen Geheimnis, das nach und nach ans Licht kommt...

Diese Geschichte führt das, was Kennedys Erzählungen generell ausmacht, auf sehr plakative Weise vor. Dass es zwischen Mann und Frau nicht immer einfach ist, dass die Komplexität der Gefühle rational meist nicht nachvollziehbar ist, hat wohl jeder schon in mehr oder weniger leidvoller Erfahrung erlebt. Kennedy spinnt aus dem schmalen Grat zwischen Liebe und Hass ihre Geschichten; Anziehung, heftige Abneigung geben sich die Hand, und was sonst subtil unter wohlgesetzten Worten verborgen bleibt, wird in "Die liebe Familie" mit der Axt gelöst.

Ich mag die Art, wie Kennedy schreibt, mag ihren Witz, ihre Beobachtungsgabe - aber auch wenn diese Erzählungen mir gefallen haben, ich habe die Autorin schon kraftvoller erlebt.

Alison L. Kennedy

Alison L. Kennedy, geboren 1965 im schottischen Dundee, gehört seit der legendären Granta-Anthologie "Best of young British writers" zu den meistbeobachteten Autorinnen in Großbritannien und gewann mehrere Preise. Sie lebt als Autorin, Filmemacherin und Dramatikerin in Glasgow.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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