Alison L. Kennedy - Alles was du brauchst

Originaltitel: Everything You Need
Roman. Wagenbach Verlag 2002
598 Seiten, ISBN: 3803131723

Als Kind wurde Mary Lamb von ihrer Mutter zu ihrem Onkel und dessen Lebensgefährten gebracht und wuchs danach bei ihnen auf, ohne ihre Mutter wiederzusehen, ohne Kontakt bis auf gelegentliche Geburtstagsgeschenke. Der Vater, so glaubte zumindest Mary, war lange tot - aber sie vermisste ihre Eltern nicht wirklich. Nicht bei diesen beiden Onkeln, die sie mit so viel Liebe und Wärme begleiteten, dass sie ihr sogar in einer wunderbar peinlichen Szene einen stärkenden Imbiss ans Bett servieren, nachdem sie gerade die erste Nacht mit ihrem Liebsten verbrachte.

Aber um ihren Traum vom Schriftstellerleben zu erfüllen muss sie weg von hier, raus aus dem behütenden Kokon; zwar ist ihr nächstes Ziel auch ein wenig weltfern, aber es wird sie, davon ist sie überzeugt, ihrem Traum näher bringen. Sie wurde ausgewählt für einen Aufenthalt auf der Schriftstellerinsel Foal Island. Sieben Jahre auf der Insel, sieben Jahre, in denen sie soviel übers Schreiben lernen soll, wie es nur möglich ist.

Sie wird sehnsüchtig erwartet. Zuletzt hatte er sie gesehen, als sie noch ein kleines Kind war - ihr Vater, Nathan Staples, der alles andere als tot ist. Aber auch nicht mehr ganz lebendig, nicht mehr, seit ihn seine Frau damals verlassen hatte, seit er sein Kind nicht mehr sehen durfte.

Aber sich einfach vor sie hinzustellen und sich als Vater ausgeben? Nein, so einfach geht das nicht. Behutsamkeit ist gefordert, das spürt er. Dazu kommt die Angst, sie mit einer solchen Nachricht so weit zu verschrecken, dass er ihr nie wieder näher kommen kann, sie endgültig verliert.

Die Spannung, die immer wieder vorhanden ist, die Gewissheit, dass Nathan doch jetzt sicher endlich sein Geheimnis lüften würde, ist eine der tragenden Strömungen in diesem Roman. Immer wieder, wenn ein Moment verstrichen ist, ohne dass er sich offenbart hätte, immer, wenn er Nähe einfach verstreichen lässt, ohne sie zu vertiefen, fühlt man beim Lesen dieselbe Ohnmacht und Verzweiflung, die auch Nathan selbst nach solchen Augenblicken befällt.

Denn das ist die ganz große Stärke dieses Romans: Emotionen mit glasklarer Präzision zu schildern, sie mit aller Wucht, allen Facetten lebendig werden zu lassen, ohne dabei ins beliebig-kitschige abzufallen. Alison Kennedy ist eine Sprachvirtuosin, die mit wenigen Sätzen ein Bild auf die Netzhaut zaubert, um dann das Spannungsverhältnis zwischen ihren Figuren fühlbar zu machen.

Vor allem in den eingeschobenen Erzählungen, die zusammen Nathans Lebensgeschichte, seinen großen autobiographischen Roman ergeben, zeigt sich diese Kunst; hier ist kein Wort zu viel.

Was man vom gesamten Buch leider nicht sagen kann. Denn bei aller Begeisterung für diesen Roman: hätte man ihn mutig gekürzt, einige überflüssig-dramatische Szenen wie das Beinahe-Ertrinken des kleinen Mädchens, den Mord am Jungen im Fischerdorf, weggelassen, hätte es dem Buch nicht geschadet. Auch das Verharren auf den sieben Jahren, die in einer oberflächlich recht ereignislosen Zeit auf der Insel gefüllt werden müssen, hat zwar eine wichtige Verankerung im Wesen der Insel und somit des Romans, bringt aber für den Leser auch einige Längen mit sich.

Aber man verzeiht es der Autorin - man wäre bereit, ihr noch viel mehr zu verzeihen, wenn man dieses Buch gelesen hat. Mitgenommen zu werden auf diese intensive, lebenshungrige Reise zur eigenen Mitte bedeutet intensives Leserglück. Einer Autorin zu begegnen, die Sprache so für sich zu nutzen versteht, erst recht. Auch wenn der Roman leider an die Preisschmerzgrenze reicht - die Ausgabe lohnt sich. Garantiert.

Alison L. Kennedy

Alison L. Kennedy, geboren 1965 im schottischen Dundee, gehört seit der legendären Granta-Anthologie "Best of young British writers" zu den meistbeobachteten Autorinnen in Großbritannien und gewann mehrere Preise. Sie lebt als Autorin, Filmemacherin und Dramatikerin in Glasgow.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©13.09.2002 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing