Harry Kemelman - Am Sonntag blieb der Rabbi weg

Originaltitel: Sunday the Rabbi Stayed Home
Krimi. Rowohlt Verlag 1968
224 Seiten, ISBN: 3499231298

Es schwelt wieder einmal in Rabbi Smalls Gemeinde – seit Ben Gorfinkle und seine Gruppe in den Vorstand der Gemeinde gewählt wurden, treffen die Reformbewegungen der einen auf die konservativen Anschauungen der anderen.

Den traditionellen Gottesdienst der Männergemeinde, der nicht vom Rabbi abgehalten wird, nutzt dieser, um einen Rabbinerkollegen an einer kleinen Uni in der Umgebung zu vertreten. Während der Rabbi sich mit den Jungen auseinandersetzt und mit dem katholischen Priester theologische Dispute ausficht, eskaliert die Situation in Barnards Crossing: eine Spaltung der Gemeinde drohte.

Meyer Paff und seine Gefolgschaft hatten schon ein Gebäude im Auge, dass sie als neue Synagoge nutzen wollten; da der Einfluss des Rabbi auf die Jugendlichen ihm nicht verborgen geblieben war, er zudem um die anstehende Neuverhandlung seines Vertrages wusste, wollte er Small mit höherem Gehalt in der neuen Gemeinde beschäftigen.

Doch der Rabbi spielt nicht mit. Eine Spaltung, die Konkurrenz, die daraus entstehen würde, widerstrebt ihm, und Schuld an der Eskalation haben für ihn beide Gruppen. Aber das ist nicht der einzige Hindernisgrund: in der zukünftigen Synagoge wird ein junger Mann tot aufgefunden. Ermordet. Und sowohl Paff als auch Gorfinkles Sohn sind in den Fall verwickelt...

Wie auch schon in den vorhergehenden Fällen ist auch diesmal die Auflösung des Mordfalls zwar ein nettes Beiwerk, aber nicht der eigentliche Grund, warum ich mit so viel Vergnügen und Interesse in diesem Buch versunken bin.

Kemelman gelingt es hier, das Leben in einer jüdischen Gemeinde sehr eingängig darzustellen, die Rolle, die von den einzelnen darin gespielt wird, die wirtschaftlichen Überlegungen, die dabei durchaus auch eine Rolle spielen; und im Gespräch mit dem katholischen Priester wie auch mit den Jugendlichen erfährt man auch von den praktischen theologischen Unterschieden zwischen den beiden Religionen; wie sie sich in Fragen zur Ehe stellen, warum Scheidung in der jüdischen Gemeinde möglich ist, bei den Katholiken nicht, welchen Ursprung die Gebote haben und wie sie heute anzuwenden sind.

Neben ausgezeichneter Unterhaltung also auch Anregungen zum Nachdenken – ich freue mich schon auf den nächsten Fall

Harry Kemelman

Harry Kemelman wurde 1908 in Boston geboren und studierte an der Boston University und in Harvard. Er arbeitete als Verkäufer und Lehrer, ehe er eine Professur am State College in Boston annahm. 1964 erschien der erste Fall für Rabbi David Small, "Am Freitag schlief der Rabbi lang", der mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet wurde. Seitdem veröffentlichte Kemelman noch zehn erfolgreiche Fälle für den Schriftgelehrten und scharfsinnigen Hobbydetektiv, bevor er 88-jährig in Boston starb.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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